Frankfurt, 18.03.2025
Geteilte Trauer und regenbogenbunte Erinnerung
Martina Tauber und ihr Mann Wolfgang sind vor 33 Jahren Eltern von Zwillingen geworden, Marlene und Franziska – nie haben sie ihnen ein Fläschchen gegeben, es gab keinen ersten Schultag, die beiden sind „Sternenkinder“, „still geboren“ am Ende des sechsten Monats. Wohin mit all dem Schmerz, der Trauer? „Damals gab es noch nicht viel an Angeboten für uns, wir fühlten uns allein“, erzählt Tauber. Inzwischen sind zwei Grabfelder für „Sternenkinder“ auf dem Frankfurter Hauptfriedhof angelegt, das Thema ist weiter aus der Tabuzone gerückt.
Martina Tauber engagierte sich in der Initiative Regenbogen „Glücklose Schwangerschaft“ e.V., vernetzte sich mit anderen mit ähnlichem Schicksal und wurde zu einer der Triebfedern des Gedenkgottesdienstes für „Sternenkinder“, der seit 2000 alljährlich im November in der Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster ökumenisch gefeiert wird. Träger sind Seelsorger:innen der evangelischen und katholischen Klinikseelsorge in Frankfurt und Offenbach, der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Frankfurt/Rhein-Main und Eltern, deren Kind gestorben ist – kurz vor der Geburt, nach der Geburt, es kann auch später gewesen sein.
Das 25-jährige Jubiläum der Gedenkgottesdienste wurde nun gefeiert, bewusst nicht im Gedenkgottesdienst, der gilt jeweils den Sternenkindern. Begangen wurde das runde Datum mit Rückblick, Dank, Wiedersehen, Gesprächen, Beisammensein, mit Ansprachen, Kaffee und Kuchen im Forumsraum des Frankfurter Dominikanerklosters. Gut 30 Haupt- und vor allem Ehrenamtliche kamen zusammen zum Jubiläum.
Tauber, die später zwei weitere Kinder bekommen hat, das zweite Enkelkind ist unterwegs, sagte in ihrer Ansprache im Dominikanerkloster: „Das Wichtigste für mich sind die Bücher“. Regenbogenbunt, von Schleifen zusammengehalten, stapelten sich die Gedenkbände bei dem Jubiläumstreffen, gefüllt mit Einträgen von trauernden Angehörigen, mit Erinnerungen an viel zu früh Verstorbene, die hier einen Namen haben. In ihrer Rede sagte Tauber an Pfarrerin Elisabeth Knecht, pensionierte Klinikseelsorgerin der Frankfurter Uniklinik, gerichtet: „Ohne Deine Vision des Gedenkens an die verstorbenen Kinder wären wir heute nicht hier.“
Zugewandt und verlässlich
Michael Thurn, Leitung der katholischen Stadtkirche, und der evangelische Stadtdekan von Frankfurt und Offenbach, Holger Kamlah, würdigten beide, Tauber und Knecht, mit einem Blumenstrauß und hielten Grußworte. „Hören Sie meinen Dank, aber auch meinen Respekt“, sagte Kamlah. Zugewandt und verlässlich, auch nach Jahren, finde hier die Trauer um verstorbene Kinder Platz. Thurn äußerte Dankbarkeit gegenüber den Anwesenden dafür, dass die Menschen sich „nicht allein gelassen fühlen in der Sprachlosigkeit“. Und: „Wie gut, dass es Menschen gibt, die kraftvolle Zeichen und Riten anbieten“.
Im März jeden Jahres trifft sich das Vorbereitungsteam für die Gedenkgottesdienste erstmals, aktuell engagieren sich hier neun Mütter und ein Vater. Über Theologie und Seelsorge werde bei den Treffen gesprochen, sagte Pfarrerin Sybille Neumann, als evangelische Seelsorgerin in der Uniklinik tätig, „über die Mitte des Labyrinths, die uns trägt“. Wichtig sei auch die Wahl der Musik. Ein Dank von allen Seiten galt Eugen Eckert, Pfarrer und Kopf der Band Habakuk, der die Gottesdienste musikalisch begleitet – auch den Jubiläumsnachmittag.
Erst habe sie sich gewundert, dass eins, zwei Treffen nicht genügen zur Vorbereitung der Gedenkgottesdienste, sondern, dass es eher fünf Termine braucht. Dann habe sie jedoch verstanden, dass Ringen dazu gehört: „Wie gestalte ich die Trauer“, sagte Marita Cannivé-Fresacher, katholische Klinikseelsorgerin in der Frankfurter Uniklinik, in ihrem Gruß.
Um einzelne Worte wird gerungen bei den Treffen: Eine Mutter erzählte am Rande des Jubiläums: „Ich finde es falsch, wenn es heißt, ‚ich habe mein Kind verloren‘ – ich verliere meinen Schlüssel, das Kind ist gestorben“. Bei „verloren“ schwinge Schuld mit. Oder aber: der Ausdruck „Fehlgeburt“: „Wo soll das herkommen, ‚falsch‘ oder ‚du fehlst‘?“ Im Team wird nach passenden Begriffen gesucht, die Gestaltung überlegt, und im geteilten Schmerz Solidarität erlebt.
Text: Bettina Behler