Frankfurt

Und wenn es auch mal Techno ist

Beim Aschermittwoch der Künstler im Haus am Dom stand diesmal die Kirchenmusik im Mittelpunkt. Die hat Nachwuchssorgen, aber auch strukturelle Probleme. Experten wie Prof. Meinrad Walter sorgen sich, dass Kirchenmusikerinnen und -musiker abgehängt werden, wenn sich daran nicht schnell etwas ändert.

Die Kirchenmusik sollte als pastoraler Beruf anerkannt werden – sonst gerät sie trotz ihrer großen Bedeutung fürs religiöse Erleben ins Hintertreffen. Das sagte Prof. Meinrad Walter, Theologe und Musikwissenschaftler aus Freiburg, beim Aschermittwoch der Künstler im Haus am Dom. Dort standen in diesem Jahr die musikalischen „Tonarten“ der Verkündigung im Mittelpunkt. Denn Religion ohne Musik ist unvorstellbar; erst im Singen und Spielen, aber auch im Hören werden Themen und Gesten, Gefühle und Gedanken lebendig in Konzerten gleichermaßen wie in Gottesdiensten. Zeit also für eine aktuelle Standortbestimmung, die laufende Veränderungen nicht ausklammert: Wie gelingt das konstruktive Zusammenwirken pastoraler und musikalischer Kräfte, wenn die Pfarreien größer werden? Wie finden Glaubens- und Musikvermittlung zusammen, vom Lied zur Erstkommunion bis zum dramatischen Oratorium für Soli, Chor und Orchester?

Der ganze Saal singt

Rund 120 Künstlerinnen und Künstler folgten der Einladung von Katholischer Akademie Rabanus Maurus und Dommuseum Frankfurt zur geschlossenen Veranstaltung ins Haus am Dom. Im vollbesetzten großen Saal erlebten sie kirchenmusikgeschichtliche Einblicke, aktuelle kirchenpolitische Fragen und klangvolle Beispiele, die sie mit Unterstützung aus der Limburger Kirchenmusik, von Diözesankirchenmusikdirektor Andreas Großmann und Ausbildungsreferent Norbert Hoppermann, auch selbst zum Singen brachten. Das Gegenüberstehen von pastoralen Berufen und Kirchenmusik kam dabei immer wieder zur Sprache – denn beide Seiten, die ja ihr ganzes Berufsleben lang zusammenwirken sollen, begegnen sich in der Ausbildung kaum, sehr zum Leidwesen von Prof. Walter, der betont, deshalb fehle das Verständnis füreinander.

Die Folge: „In der Sakristei streitet man sich, wer ist zuständig ist für die Choralauswahl“, berichtet er aus eigener Erfahrung, aber auch mit Blick auf historische Berichte, zum Beispiel in die Aufzeichnungen von Johann Sebastian Bach. Prof. Walter hat dazu eine pragmatische Ansicht: „Das sollte nicht hierarchisch beantwortet werden, sondern der sollte zuständig sein, der den größten Überblick hat, egal ob Priester oder Kirchenmusiker.“ Um das Verstehen der verschiedenen Teile, die gemeinsam die Liturgie bilden, zu festigen, sei früh ein „Kennenlernen der jeweiligen Empfindlichkeiten der anderen Rolle“ nötig, sagte er – und sorgte damit für Schmunzeln im Saal.

Dr. Bettina Schmitt, Direktorin des Dommuseums, warf in ihrer Begrüßung einen Blick zurück auf die lange Tradition des „Aschermittwochs der Künstler“, ein Konzept, dass es bereits seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt. „Die Idee, am Beginn der Fastenzeit den Gedankenaustausch mit Kunstschaffenden zu suchen, ist bewährt, gute Kunst hilft uns, innezuhalten, ins Nachdenken, Hinterfragen und Umdenken zu kommen, neue Perspektiven zu gewinnen und die Zumutung des Nichtverstehens auszuhalten“, so Schmitt. „Sie schenkt uns Zeit und stellt existenzielle Fragen.“ In den vergangenen Jahren lagen die Schwerpunkte unter anderem auf den Themenbereichen Theater, Architektur und bildende Kunst. Nun also Musik. „Kirchen sind Erlebnisort für Livemusik“, sagte Bettina Schmitt – „und hinter dieser Selbstverständlichkeit stehen Menschen.“ 22 von 1380 in Deutschland hauptamtlich wirkenden Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern sind im Bistum Limburg angestellt, sagte sie; zudem gibt es 600 nebenamtliche Organist:innen und Chorleiter:innen. Kirchenmusik biete kulturelle Höhepunkte, verschaffe Kindern einen ersten Zugang zu Musik und lässt sich schlicht auf eine hohe Bedeutung herunterbrechen: „Die Kirchenmusik zählt zu den wesentlichen Feldern der pastoralen Bildungsarbeit.“

Eine Selbstverständlichkeit

„Dass Musik verkündigt, ist eine Selbstverständlichkeit“, sagte Prof. Walter gleich zum Eingang seines Vortrags. Er zitierte aus der Liturgiekonstitution (Sacrosanctum Concilium): „Die Musik wird umso heiliger sein, je enger sie mit der liturgischen Handlung verbunden ist, sei es, dass sie das Gebet inniger zum Ausdruck bringt oder die Einmütigkeit fördert, sei es, dass sie die heiligen Riten mit größerer Feierlichkeit umgibt. Dabei billigt die Kirche alle Formen wahrer Kunst, welche die erforderlichen Eigenschaften besitzen, und lässt sie zur Liturgie zu.“

Komponisten übersetzten die Bibel in Klänge, Musik führe auf Spuren zum eigenen Selbst. Und wenn es auch mal Techno ist oder Gregorianik – Hauptsache, Kunst. Dass auch die Kirchenmusik unter Nachwuchssorgen und Fachkräftemangel leidet, ist kein Geheimnis, dennoch forderte Walter: „Hinter die vielen Tonarten der Verkündigung dürfen wir nicht zurückgehen!“ Denn nur durch eine große Bandbreite könne gewährleistet werden, dass Menschen in Kirchen weiter gemeinsam singen. „Diese Kulturtechnik droht sonst, verloren zu gehen“, mahnte er.

Nach dem Gespräch mit dem Publikum, das von Prof. Dr. Joachim Valentin, Direktor des Hauses am Dom, moderiert wurde, kündigte Valentin an: „Der Nachmittag verlangt eine Fortsetzung in Form eines Workshops zum Thema Kirchenmusik. Wir sind dazu bereits im Gespräch.“

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Keine Zeit der Tristesse

Nach dem Vortragsteil im Haus am Dom spendete Bischof Dr. Georg Bätzing im Bartholomäusdom den Aschesegen und zelebrierte den Aschermittwochsgottesdienst. In seiner Predigt sagte er: „Die Fastenzeit ist keine Zeit der Tristesse.“ Sie sei vielmehr eine Zeit der Klärung, der Reinigung, der bewussten Ausrichtung auf Gott und auf das Leben, das er den Menschen in Fülle schenken möchte. Der Mensch mache sich fein – nicht für einen äußeren Auftritt, sondern damit das Herz wieder leuchten könne. Ziel sei es, dass man Ostern nicht nur äußerlich feiere, sondern innerlich verwandelt sei. Bätzing blickte besorgt auf die weltpolitische Lage und den gesellschaftlichen Umgangston. Er zeigte sich erschrocken darüber, wie unverblümt viele derzeit ihre Masken fallen lassen. „Autokraten und Diktatoren dieser Welt stört es augenscheinlich immer weniger, was die Weltgemeinschaft an Grenzen, Absprachen und moralischen Leitplanken miteinander vereinbart hat“, so der Bischof. Gehetzt und geschossen werde oft nicht mehr aus der Deckung der Anonymität heraus, wie es lange schon üblich gewesen sie, sondern man agiere mit offenem Visier. „Ein inneres Korsett moralischer Werte, das mich gegebenenfalls zügelt und mäßigt (Gewissen genannt), scheint nicht mehr zu greifen; die schützende Maske einer form- und stilbildenden inneren Haltung wird über Bord geworfen. Wie wünschte ich mir, ich müsste manche Gesichter nicht unmaskiert sehen!“, sagte Bischof Bätzing. Die ganze Predigt kann unten als Ganzes heruntergeladen werden.

Predigt von Bischof Georg Bätzing

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