FRANKFURT, 10.09.2018

Gute Gespräche bei einer Portion Pommes

Aus einer Schnapsidee wird „Meet’n Frites“: Die Steyler Missionsschwestern in Frankfurt betreiben eine Pommesbude, um mit den Menschen im Stadtteil ins Gespräch zu kommen.

„Einmal Mayo. Und dann noch einmal ohne bitte“, ruft die junge Frau und wirft ein paar Münzen in das Spendenglas. Es ist halb sechs am Nachmittag. Vor der Pommesbude auf dem Kirchplatz von St. Aposteln in Frankfurt hat sich eine kleine Menschentraube gebildet. An Stehtischen unterhalten sich Besucher und essen Pommes mit verschiedenen Soßen. Kinder spielen und toben auf dem gepflasterten Platz. Aus einer Lautsprecherbox surrt Pop-Musik. In dem mit knallroten Farben lackierten Wagen sind drei Frauen in roten Schürzen und gelben Basecaps im Einsatz. Es wird viel gelacht. So viele Besucher hatten wir noch nie, freut sich das Team der Pommesbude.

Andere fangen Feuer

Alle vierzehn Tage immer donnerstags gibt es sie: die „katholischen“ Pommes vor St. Aposteln: „Das war zuerst eine Schnapsidee“, sagt Schwester Bettina und lacht. Doch als sie mit anderen darüber sprach, habe sie gemerkt, wie sie Feuer fingen und begeistert waren. „Wir haben die Idee weitergesponnen bis sie Wirklichkeit wurde“, sagt die 51-jährige Sozialarbeiterin.  

Seit zwei Jahren sind die Steyler Missionsschwestern mit einer Kommunität von sieben Schwestern in St. Aposteln vor Ort, um im Rahmen einer Vorbereitungszeit, dem sogenannten Postulat, neue missionarische Wege in der Großstadt zu erproben. In St. Aposteln haben sie einen zuvor als Bibliothek genutzten Raum ausgeräumt, um ein kleines Café mit Kleiderboutique einzurichten. Das Nachtcafé – ein Angebot für Frauen in Not - wurde wenig später in Angriff genommen.  

„Wir wollten die Gemeinschaft hier vor Ort weiten und besonders mit Leuten in Kontakt kommen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen“, erklärt Schwester Bettina. „Und wo kommt man besser ins Gespräch mit Menschen als bei einer Portion Pommes?“ Als beim Volksverein in Mönchengladbach ein Wagen nicht mehr gebraucht wird, ergreifen die Schwestern die Chance. „Wenn es nicht funktioniert hätte, wäre es kein großer Verlust gewesen“, sagt die Schwester salopp.  

Elektriker für alle Fälle

Probleme habe es anfangs genug gegeben, erinnert sich Schwester Maria, für die die Pommesbude mittlerweile zu einem Herzensanliegen geworden ist. „Die Fritteuse haben wir bei Ebay erstanden. Sie hat dann nicht mehr funktioniert. Also hat sie ein Elektriker für uns wieder zum Laufen gebracht.“ Später habe man aus Versehen eine Dunstabzugshaube ohne Motor gekauft. Wieder hilft ein Elektriker. Als der Wagen wegen fehlender Rampe nicht auf den Kirchplatz gerollt werden kann, springt eine Gärtnerei ein und hievt den Wagen mit „viel Manpower“ hoch auf den Kirchplatz. „Es gab immer wieder kleine Pannen. Aber die waren nie so groß, dass sie uns davon ganz abgebracht hätten. Das Schöne ist: Wenn man es nicht alleine schafft, stiftet das auch Gemeinschaft. Wir brauchen die Unterstützung der anderen“, erklärt die 30-jährige Schwester. „Und es gab viele, die mit uns mit großer Begeisterung investiert haben.“

Ein befreundeter Koch etwa hat die veganen Soßen entwickelt, eine Werbeagentur das Corporate Design beigesteuert und dem Wagen einen modernen Look verpasst, ein Biobauernhof aus der Region schält und schneidet die Kartoffeln, die Caritasstiftung und das Bistum stellten finanzielle Mittel bereit. Ein kleines Team von Ehrenamtlichen steht regelmäßig hinter dem Tresen.

Dazu gehört Carmen Hassel. Von Anfang ist sie dabei. Vermutlich sei sie deshalb schon als Schwester Carmen angesprochen worden, sagt die Ehrenamtliche aus St. Aposteln und lacht. Am Kirchort sei man wieder etwas näher zusammengerückt. Die Schwestern seien präsent und immer ansprechbar, wenn es irgendwo brenne. „Wir haben hier eine tolle Truppe. Und den Schwestern fällt immer wieder etwas Neues ein“, sagt Hassel. Überhaupt schon an das Projekt herangegangen zu sein, sei für sie ein Highlight gewesen. Genauso viel Spaß habe sie aber dabei, mit den Schwestern die Soßen vorzukochen. „Wir stehen dann zusammen in der Küche und schnippeln Zwiebeln.“ Danach gebe es öfters ein gemeinsames Abendbrot. „Das ist für mich mittlerweile wie ein zweites Zuhause“, so Hassel.

Milieugrenzen aufbrechen

„Wir achten auf gute Qualität bei den Lebensmitteln“, erklärt Schwester Maria. Statt Palmöl nutze man bewusst Rapsöl. Auch Tiefkühlware gebe es nicht zu essen. Aber es geht längst nicht nur um gute Pommes. „Wir wollen mit Meet’n Frites Milieugrenzen aufbrechen“, erklärt Schwester Maria. „Das ist etwas, was unsere Gesellschaft dringend braucht, aber nicht als Not spürt“, glaubt die junge Frau. „Pommes mag jeder. Das verbindet Milieus und Altersgruppen.“

Jeden willkommen heißen und diejenigen, die nichts haben und außerhalb der Gesellschaft stehen   Teilhabe ermöglichen. Die beiden Schwestern mischen sich am Abend unter die Besucher, suchen den Kontakt und das Gespräch: „Bei manchen ist es nur ein Hallo, bei anderen ist es ein Gespräch über die Kirche oder Fragen über uns Schwestern und die Gemeinschaft“, erzählt Schwester Bettina. Besonders freut sich die Ordensfrau darüber, dass sie viele bekannte Gesichter aus der Pfarrei, vom Kleidercafé, vom Konrad-Preysing-Haus, einer nahen Einrichtung für behinderte Menschen, oder von der Wohnungslosenhilfe trifft.

Eine Bereicherung für die Pfarrei

Davon, dass die Schwestern eine Bereicherung für die Frankfurter Pfarrei sind, ist Pfarrer Werner Otto überzeugt: „Es ist ein unschätzbarer Dienst, den die Schwestern hier tun“, sagt der Pfarrer. „Ich hoffe sehr, dass aus der Projektstelle eine dauerhafte Sache wird.“ Trotz anfänglicher Skepsis einiger Gemeindemitglieder sei hier durch die Schwestern bereits vieles gewachsen. „Der Kirchort wurde spürbar belebt“, ergänzt Pastoralreferentin Doly Kadavil, die unter anderem seit Jahren die die sozialpastoralen Angebot der Pfarrei gestaltet. „Die Kirche hier bekommt durch die Schwestern ein ganz persönliches Gesicht. Und wir werden mutiger, Dinge auch einfach mal auszuprobieren“, sagt Kadavil. Zwar würden dadurch nicht mehr Leute in den Gottesdienst kommen. „Aber Kirche ist hier ganz nah bei den Menschen. Und sie wird in ihrer Botschaft glaubwürdiger.“

Video - Pommes Schwestern

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