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Wrack oder Luxusdampfer

Ein subversiver Blick auf die Kirche im Jahr 2030
Wrack oder Luxusdampfer
Wrack oder Luxusdampfer

Wenn die katholische Kirche ein Schiff ist, ähnelt sie dann eher einem maroden Dampfer, der nur noch von einem Häuflein Getreuer durch die Stürme geleitet wird? Oder ist sie ein Wrack, das bald strandet? Vielleicht ist sie aber auch, zumindest in Deutschland mit ihren wohlhabenden Bistümern, immer noch ein Luxusdampfer, dem allenfalls die Passagiere abhandenkommen.

Ein Abend, der mit einer Bildbetrachtung beginnt, und dann nach Visionen sucht, wie „Kirche 2030“ aussehen könnte, das hat die gut 100 Zuhörer in der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt-Oberrad am Dienstag, 24. April, in Bann gezogen. Eingeladen hatte - mit dem Bild des abgewrackten Tankers auf der Vorderseite - die Katholische Erwachsenenbildung Frankfurt, um zu hören, ob das Schiff Kirche kurz vor dem Untergang ist oder ob es doch noch Chancen gibt, umzusteuern und den finanziell gut ausgestatteten Luxusdampfer wieder für mehr Menschen attraktiv zu machen.

Dass es so wie bisher nicht gut läuft für die Kirche, geben alle Podiumsteilnehmer unumwunden zu, dabei entdecken sie mehr oder minder große Lichtblicke oder haben zumindest eine Idee, wohin der Weg gehen könnte. Für Pastoralreferentin Verena Maria Kitz vom Exerzitienhaus in Hofheim ist klar, dass „gerade viel zusammenbricht und die alte Volkskirche keine Zukunft hat“. Trotzdem sieht sie ein sehr lebendiges kirchliches Leben, das von vielen engagierten ehrenamtlichen Christen und hauptamtlichen Mitarbeitern getragen werde. Auch der Flörsheimer Pfarrer Sascha Jung erkennt die Baustellen: „Die Kirche hat es verlernt, in der Zeit zu leben“, betont er und zeigt sich überzeugt, dass „mit dem Evangelium als Richtschnur“ die Lebenswirklichkeit heute akzeptiert werden müsse, um zukunftsfähig zu werden. „Rom wurde immer von der Realität überholt“, meint er, nicht nur im Blick auf die aktuelle Debatte um die Kommunion auch für evangelische Ehepartner katholischer Christen.

Hinhören und mit allen sprechen

Der Autor und Politikberater Erik Flügge („Der Jargon der Betroffenheit“) appelliert an die Kirchenoberen, sich nicht nur für die geschätzt zehn Prozent noch aktiven Christen zuständig zu fühlen: „90 Prozent der Katholiken zahlen Kirchensteuer und haben nichts davon. Mit denen muss man reden, alles andere ist hochnotpeinlich.“ Für den Journalisten Meinhard Schmidt-Degenhard ist die deutsche Kirche ob ihres Vermögens ganz klar ein Luxusdampfer, doch auf Glaubensfragen und --zweifel erhielten die Menschen keine Antwort. Die Fragen nach dem Sinn des Lebens mit den Erkenntnissen moderner Wissenschaft zusammenzubringen, da müsse Kirche sprachfähig werden und Räume schaffen für Zweifelnde, wie es auch der Limburger Bischof Georg Bätzing immer wieder anmahne. Viele Theologen hätten aber genau davor Angst, „weil sie selber nicht mehr glauben, was sie predigen.“

Da war ihm der Widerspruch der Theologen zwar gewiss, doch verwies Verena Kitz darauf, dass das Ringen um den Glauben wohl alle Menschen betreffe. Im Übrigen lerne man glauben nicht nur von hauptamtlichen Kirchenangestellten, doch auch daran kranke heute Glaubensvermittlung: „In vielen Familien wird heute der Glaube kaum gelebt oder gar von Generation zu Generation weitergegeben.“

Erik Flügge plädierte dafür, deutlicher zu zeigen, was Kirche alles leistet, etwa im karitativen Bereich: „Wir stehen nicht dazu, dass wir Kirche sind.“ Der Dialog mit passiven Kirchenmitgliedern wie auch mit Menschen, die keiner Kirche angehörten, müsse offensiver geführt werden. Ein „Radikalentwurf“ wäre etwa, wenn alle hauptamtlichen Seelsorger „einfach mal an allen Haustüren klingeln und mit den Menschen ins Gespräch kommen.“ Für Sascha Jung ist das durchaus ein ernstzunehmender Vorschlag. Nichts anderes mache er im übertragenen Sinn, wenn er regelmäßig als Fassenachter auftrete und in die Bütt gehe. In den Gesprächen danach, aber auch in seiner Arbeit als Seelsorger entdecke er zarte Pflänzchen der Hoffnung.

Einen versöhnlichen Schlussakzent setzte denn auch der kirchenkritische Journalist Schmidt-Dgenhardt, der empfahl, sich nicht gar so viele Sorgen zu machen: „Die Kirche wird gebraucht! Man muss hinhören und nicht nur jammern!“