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Stadtdekan bittet evangelische Christen um Verzeihung

Stadtdekan bittet evangelische Christen um Verzeihung
Stadtdekan bittet evangelische Christen um Verzeihung
Ökumenisch sensibel wurden die konfessionellen Gottesdienste am Samstagabend gefeiert, auch im Dom. © Stephan Gärtner

„Kommt und seht!“: Unter diesem Leitwort standen die Gottesdienste am Samstagabend, 15. Mai, während des dritten Ökumenischen Kirchentags in Frankfurt: An vier verschiedenen Orten in der Mainmetropole wurden in den jeweiligen konfessionellen Traditionen (katholisch, evangelisch, freikirchlich und orthodox) Gottesdienste gefeiert, die ökumenisch sensibel gestaltet waren. Hier gibt es Bußakt und Predigt von Stadtdekan Johannes zu Eltz zum Nachlesen im Wortlaut.

Der ausführliche Bericht zum Gottesdienst am Samstagabend im Dom ("Vollkommen, aber nicht vollendet") ist hier zu finden.

Den gesamten Gottesdienst aus dem Frankfurter Dom vom Samstagabend, 15. Mai, finden Sie in der Mediathek des Ökumenischen Kirchentags.

Predigt und Bussakt

Bussakt

Hinschauen und gemeinsam den Herrn erkennen können wir hier in Gestalt einer normalen Sonntagsmesse, wie sie auch sonst im Dom gefeiert wird. Sie soll nach dem Willen des Ökumenischen Kirchentages zusammen mit den zeitgleich gefeierten evangelischen und orthodoxen Gottesdiensten dem Gemeinsamen Zeugnis Hand und Fuß geben.

Die Eucharistiefeier beginnt immer mit dem Bussakt. Priester und Gemeinde bekennen sich erst als Sünder und bitten um Vergebung, damit sie dann reinen Herzens Gottes Wort hören und Gottes Brot essen können.

Ich mache mal den Anfang:

Dem evangelischen Stadtdekan Achim Knecht hatte ich im März angesonnen, er solle heute hier die Predigt halten. Mir schien das folgerichtig nach der Predigt von Bettina Limperg, der evangelischen Präsidentin des ÖKT, hier im Dom im Februar. Ich hätte es besser wissen können. Denn der evangelische Stadtdekan im Talar, der in der Messe die Predigt hält, ist derselbe evangelische Stadtdekan im Talar, der sich im Gewissen überlegen kann, zur hl. Kommunion zu gehen.

Und dann steht ihm eine Absprache der Kirchenleitungen im Weg: Geistliche im Ornat kommunizieren nicht in der Mahlfeier der jeweils anderen Konfession. Achim Knecht jedenfalls hat vor einer Woche seine Bereitschaft zur Predigt zurückgezogen und so den katholischen Knoten gelöst, den wir nicht mehr auseinander bekommen hätten.

Wir beide haben das miteinander geklärt. Es sind aber nicht immer nur solche Komplikationen. Es gibt eine sehr lange Reihe von evangelischen Christen, die es mit Hochmut, Heuchelei und Herzenshärte in der katholischen Kirche zu tun bekommen haben. Gott weiß, wie viele von ihnen im Verborgenen erst ihre Tränen abwischen, ihre Wunden verbinden, ihren Zorn runterschlucken und ihren Stolz überwinden mussten, um dann wieder auf uns zuzugehen. Ich stehe jetzt hier oben allein. Aber ich stehe auch für meine Kirche. Ich bitte Sie, die evangelischen Christinnen hier im Dom und daheim an den Bildschirmen, um Verzeihung. Und ich danke Ihnen für Ihre Langmut.

Vergebungsbitte: Nachlass, Vergebung und Verzeihung unserer Sünden gewähre uns der allmächtige und barmherzige Gott

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Predigt in der Vorabendmesse am ÖKT Sonntag 2021

zu 1 Joh 4, 11-16 und Joh 17, 6a. 11b-19

„Gott hat viele seiner Verheißungen an das Vertrauen gebunden, das Menschen ihm entgegenbringen. Die Verwirklichung vieler Wunder und Gnaden Gottes hängt von dem Vertrauen ab, mit dem sie erwartet und erbetet werden (...). Man muss sich auf jeden Fall in die Verfassung bringen, dass die Dinge nicht daran scheitern, dass wir sie Gott nicht zugetraut haben“ (Alfred Delp SJ, Gesammelte Schriften, Frankfurt 1984, Bd. 4, S. 305).

Liebe Gemeinde, das hat der Jesuit Alfred Delp gesagt. Bei einem Schauprozess vor dem sogenannten Volksgerichtshof wurde er zum Tode verurteilt und am 2. Februar 1945 in Plötzensee gehängt. Der Grund für den Justizmord waren die Pläne für einen von Grund auf erneuerten Staat, die Alfred Delp und seine Mitverschworenen im Kreisauer Kreis entworfen hatten. Die doppelt schwere Last der Verantwortung für Deutschland und vor Gott hat dort Christen von der Oberfläche ihrer konfessionellen Eigenheiten in die Tiefe ihrer gemeinsamen Berufung durchbrechen lassen. Alfred Delp war darauf vorbereitet. Um seine katholische Mutter heiraten zu können, musste sein evangelischer Vater im Vorhinein garantieren, dass die Kinder katholisch erzogen werden. Dieses Gesetz bestand übrigens bis 1973, und manche Wunden, die es geschlagen hat, schwären bis heute. Der Vater von Alfred Delp konnte sein Versprechen nicht halten. Er musste mit seinem katholisch getauften Kind aus wirtschaftlichen Gründen in das evangelische Dorf seiner eigenen Mutter zurück, und diese glaubensstrenge Frau bekam die Erziehung ihres Enkels überantwortet.

Das gab dann ein Gezerre wie beim salomonischen Kind. Der Jugendliche wurde zunächst evangelisch konfirmiert. Nach einem Streit mit dem evangelischen Pfarrer verschaffte er sich Zugang zur katholischen Erstkommunion und wurde gefirmt. Gleich nach dem Abitur trat er in die Gesellschaft Jesu ein. Leidenschaftlich war er, aber kein Eiferer. Die frühe Erfahrung am eigenen Leib, dass Furcht Menschen nicht fromm und Zwang sie nicht frei macht, hat er in den Orden mitgenommen. Für die konfessionellen Scharfmacher, die mit der zugespitzten Wahrheit Christi andere Christen auf ihre vermeintlichen Fehler festnageln wollen, hatte er nichts übrig. Noch in seinen letzten Wochen machte er sich Sorgen darum. Er schrieb: „Wenn die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild einer zankenden Christenheit zumuten, sind sie abgeschrieben.“

Ob er da mit uns zufrieden wäre am ÖKT-Sonntag 2021? Vieles hat sich ja zum Besseren gewendet. Die wilden Schmähungen aus grobianischer Zeit sind Geschichte. Die Kirchenoberen und Theologinnen reden meist sehr nett mit- und übereinander. Das Kirchenvolk hat in großer Mehrheit rhetorisch abgerüstet und ist nicht erpicht darauf, den Bodensatz von alten Vorurteilen aufzurühren. Wir haben flächendeckend eine herzhaft-praktische Ökumene vor Ort und bewährte, erfolgreiche Kooperationen im sozialen Bereich. Wenn der Gleichschritt mal nicht so funktioniert und es holprig wird, wie oft in der Politik bei den life issues, gibt es immer rasch Schadensbegrenzung. Also, ein Bild der zankenden Christenheit geben wir derzeit  nicht ab, gottlob.

Aber steht damit schon ein Bild von der endzeitlichen Einheit der Christen auf der Staffelei, wenigstens in Umrissen, in den Farben des Himmels und der Erde, schön vom Glanz der Wahrheit, tief wie das Meer?

„Vater, ich habe Deinen Namen den Menschen offenbart, die Du mir aus der Welt gegeben hast. Heiliger Vater, bewahre sie in Deinem Namen, den Du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!“ (Joh 17, 6a.11b). Das ist das Gebet Jesu am Abend vor seinem Leiden und heute unser Evangelium. Seine Bitte um die Einheit derer, die an ihn glauben, ist kein frommer Wunsch, der in Erfüllung geht oder nicht. Der Vater erhört den Sohn, weil der Sohn tut, was dem Vater gefällt. Daran zweifelt Jesus nach dem Zeugnis des Evangeliums nie. „Ich und der Vater sind eins“, sagt er (Joh 10, 30). Alles, was der Vater hat, gehört auch ihm. Jesus kann deshalb schon danken, während er noch bittet. Seine Aufforderung an uns zum zudringlichen und zutraulichen Beten ist keine Kopfgeburt, sondern das Ergebnis seiner beständigen Erfahrung. Indem Jesus um die Einheit der Christen bittet, kommt sie zustande. Freilich so, dass sie da ist, aber nicht hier; vollkommen, aber nicht vollendet. Das muss so sein, weil die Jüngerinnen Jesu keine Sklaven sind, die nicht wissen, was ihr Herr tut, sondern Freunde, denen Jesus alles mitteilt, mit denen er alles teilt, auch seine Herrlichkeit. Deshalb bekommen wir die Gabe des Vaters als Auf-Gabe, damit wir aktiv teilhaben an Wesen und Gestalt seines Sohnes und aus dieser Verbindung heraus Taten wie dieser tun, sogar noch größere, und dessen Mission verantwortlich weiterführen, bis er kommt.

Jetzt kommt Alfred Delp wieder ins Spiel. Die Einheit der Christen lässt sich nicht einfach am Fortschritt der ökumenischen Bewegung bemessen. Sie ist auch nicht das, was wir am Ende erreichen werden, wenn wir nur unsere Ziele im Auge behalten und uns von Hindernissen nicht lange aufhalten lassen. Die Aufgabe bleibt eine Gabe. Dass uns die Einheit von Jesus erwirkt wurde, ist ein Wunder Gottes, dessen Verwirklichung von dem Vertrauen abhängt, mit dem es erwartet und erbetet wird. Das werden die gerne hören, denen vernünftig strukturierte Lösungsansätze zu weltlich, das Bestehen auf guten Argumenten zu frech und der Kampf um mehr Gemeinsamkeit am Tisch des Herrn nicht fromm genug sind. Aber Vorsicht - das Wunder der Einheit hat eine subversive Seite!

„Ich habe euch Freunde genannt“, sagt Jesus, „denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15, 15). Wären wir Jesu Knechte, müssten wir uns umeinander nicht scheren. Wenn man Menschen entsolidarisieren will, muss man sie nur lange genug unterdrücken und dumm halten. Unter Freunden geht das nicht. Jesu Freundschaft zu jeder von uns, zu jedem, der an ihn glaubt, begründet die Freundschaft untereinander. Der Zusammenhang ist nicht kontingent. Er ist notwendig. Wir kriegen das eine nicht ohne das andere. „Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben“ heißt der erste Satz der heutigen Lesung aus dem 1. Johannesbrief.

Das ist die Logik der Liebe, die nicht darin besteht, dass wir Gott geliebt hätten - und ihm deshalb unsere Bedingungen diktieren könnten - sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Dass wir sie einander erweisen, ist die Bedingung dafür, dass wir in Gott bleiben. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt und kann von ihm nichts sagen und kann in seinem Namen nicht sprechen, wer immer er sei. Lieblosigkeit in ökumenischen Beziehungen ist kein Kavaliersdelikt, und das Bedürfnis, dem anderen seine vermeintlichen Fehler vorzuhalten, lässt auf nichts Gutes schließen. „Die Liebe freut sich nicht über das Unrecht, sondern sie freut sich an der Wahrheit“, sagt der Apostel (1 Kor 13, 6). Aber doch um Himmels Willen vor allem an der Wahrheit, die der andere bewahrt hat und zum Leuchten bringt - froh für ihn, traurig über sich selber und das Unrecht in den eigenen Reihen. Vielleicht sieht ja die andere, die Geliebte, mich in meinem Kummer und lässt mich zum Trost die Wahrheit sehen, die sie bei mir  entdecken kann.

Diese elementare Bedürftigkeit, die Angewiesenheit auf Ergänzung, die Suche nach ebenbürtiger Hilfe, das ist unsere Verfasstheit als Menschen. Sie ist Bedingung der Liebe und, weil Jesus sich auf sie eingelassen hat, auch Bedingung der Kirche. Deshalb dürfen wir uns nicht hart machen, nicht unbedürftig sein wollen, so dass uns am Ende gar nichts mehr fehlt, wenn der andere nicht da ist, nicht mit am Tisch sitzt.

Im Hintergrund unserer Theologie wirkt von alters her, mit Wurzeln in der Antike, ein Axiom, das heißt so: „Bonum ex integra causa, malum ex quocumque defectu“, zu deutsch: Damit etwas gut ist, muss es vollständig gut sein; fürs schlecht werden reicht irgendein Mangel“.

Das ist ein sehr gescheiter, aber auch sehr gefährlicher Satz. Das Streben nach moralischer Integrität kann sich nämlich unter der Hand in einen gnadenlosen Perfektionismus verwandeln, der die Bedingungen der Vollständigkeit kontrollieren will und deshalb das eigene System absolut setzt. Dann sind Defekte einfach das, worin sich andere von mir unterscheiden. Das ist natürlich kein Glaubenssatz, hat uns aber im Laufe der Jahrhunderte grandiose Befestigungen des Glaubens ermöglicht. Aber mit denen halten wir uns nicht nur die Konkurrenz vom Leibe, sondern wir mauern uns auch selber ein. Der Machtinstinkt funktioniert, aber das Herz versteinert. Deshalb müssen wir aus der Festung raus, solange noch Zeit ist. Und uns zu denen gesellen, die mit uns Christen sind, die derselbe Herr gesammelt und gesandt hat, die er mit uns unter sein Wort stellt und an seinen Tisch ruft. Die uns vielleicht lieber mögen und mehr vermisst haben, als wir es uns vorstellen können. Und die mit uns die Auf-Gabe der Einheit haben. Die hat nämlich nie nur einer, sonst würde sie sich gar nicht stellen. Denen unser Vertrauen zu schenken, vorbehaltlos, mit angefochtener Zuversicht, ihres zu empfangen, und in alldem das Vertrauen Gottes zu spüren, das allem zugrunde liegt - das ist die Verfassung, in die wir uns jetzt unbedingt bringen müssen, damit die Welt das Bild betrachten mag, das ihr die Christenheit bietet.

„Gott hat viele seiner Verheißungen an das Vertrauen gebunden, das Menschen ihm entgegenbringen. Die Verwirklichung vieler Wunder und Gnaden Gottes hängt von dem Vertrauen ab, mit dem sie erwartet und erbetet werden (...). Man muss sich auf jeden Fall in die Verfassung bringen, dass die Dinge nicht daran scheitern, dass wir sie Gott nicht zugetraut haben“. Amen

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