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Das Naheliegende, die Nächstenliebe

Stadtdekan Johannes zu Eltz zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome
Das Naheliegende, die Nächstenliebe
Das Naheliegende, die Nächstenliebe
© Henrich Editionen

Die Novemberpogrome von 1938 jähren sich in diesem Jahr zum 80. Mal.

Die so genannte (Reichs-)Kristallnacht oder Reichspogromnacht – die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 – war von Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich geprägt, die das nationalsozialistische Regime organisiert und gelenkt hatte . Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Mehr als 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe  wurden zerstört. Vom Tag danach an wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslaern inhaftiert, wo Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben.

Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete.

Zum Jahrestag der Novemberpogrome dokumentieren wir eine Ansprache des katholischen Stadtdekans Johannes zu Eltz, die er am 9. November 2017 bei einer Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche gehalten hat.

Zum Gedenken an die Pogromnacht 1938

Hoffentlich haben wir die Lektion der Menschlichkeit gelernt.

Stadtdekan Johannes zu Eltz

Tief beschämende Haltung der katholischen Kirche

Stadtdekan zu Eltz erinnert darin an das „schändliche Schweigen“ der Bevölkerung und die „tief beschämende“ Haltung der katholischen Kirche, die gegen die Verbrechen an den Juden nicht öffentlich protestierte. Die Schrecken der Pogromnacht vom 9. November 1938 hätten sich mittlerweile zwar weit zurückgezogen: „Verschwunden sind sie nicht. Ihr Schatten streift uns noch immer“, sagte er am Donnerstag, 9. November 2017, in einer Gedenkstunde in der Paulskirche.

Heute den „Mantel des Schweigens über das Schweigen von damals zu breiten“, heiße die Wahrheit zu ersticken, hob zu Eltz hervor. Denn nicht allein Angst habe die Katholiken gehindert, sich mit den Juden solidarisch zu zeigen, sondern „die tiefe Befremdung der Christen gegenüber den Juden, ein Graben, den keine Anstrengung der Assimilierung je ganz hat zuschütten können.“ Ein „Eisstrom der Entfremdung“ habe die Menschen erfasst, sodass sie den Mit-Menschen die volle Mit-Menschlichkeit entzogen: „Angst ist entschuldbar, Unmenschlichkeit nicht.“

Das Evangelium vom barmherzigen Samariter zeige, so zu Eltz, „kraftvoll, lebendig und trennscharf“, wie Mitmenschlichkeit auch in Todesnot helfen kann: „Das Nötige tun, die Nächstenliebe, war das Naheliegende.“ 79 Jahre nach der Pogromnacht gibt es in Frankfurt wieder blühendes jüdisches Leben, sagte der Stadtdekan. Aber es gebe auch immer noch „Räuber, die nach diesem Leben trachten. Sie verstecken sich nicht mehr, sondern nehmen in der Öffentlichkeit Platz.“ Deshalb sei es geboten, sich der Erinnerung an das schändliche Schweigen nicht zu verweigern: „Hoffentlich haben wir die Lektion der Menschlichkeit gelernt.“