Ja, DAS ist Antisemitismus
Im Haus am Dom, Domplatz 3, Innenstadt, läuft noch bis zum 10. April die Ausstellung "Ja, DAS ist Antisemitismus - Jüdische Erfahrungen in Hessen" der Recherche- und Informationsstelle Antisemitimus Hessen. Antisemitismus ist Alltag. Seit dem 7.10.2023 werden das Ausmaß und die Anschlussfähigkeit von Antisemitismus auch nach Hessen überdeutlich. Die Ausstellung ist ein Ausgangspunkt, um sich mit der Betroffenenperspektive zu befassen, und um Solidarität und Empathie zu entwickeln. Die Katholische Stadtkirche Frankfurt ist Kooperationspartner. Der Eintritt ist frei. Das Haus am Dom ist montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr geöffnet, samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr (bei Abendveranstaltungen auch länger).
Bei der Vernissage am 19. Februar hielt Michael Thurn, Leitung der Katholischen Stadtkirche in Doppelspitze mit Christiane Moser-Eggs, ein Grußwort, das unten nachgelesen werden kann.
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BEGLEITVERANSTALTUNGEN
Hoffen wider die Angst
Soirée am Dom
Do 19. März 2026
19:30–21:00 Uhr
Wie das Christentum ist Judentum zentral vom Motiv der Hoffnung geprägt: Auf Schalom, umfassendes Heil, Gerechtigkeit und Frieden schon im Diesseits und das Kommen des Messias und die jenseitige Welt. Doch seit Jahrhunderten muss gegen eine brutale Realität „angehofft“ werden: Judenverfolgungen, massive gesellschaftliche Benachteiligung, Hass sprechen eine andere Sprache. Wie ist die Hoffnungsreligion Judentum damit umgegangen? JV
· Rabbiner PD Dr. Jehoshua Ahrens
9 € / 7 €
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Calling Golem
Von Hoffnung, Empowerment
und Selbsthilfe in der jüdischen
Welt, Soirée am Dom
Do 26. März 2026
19:30–21:00 Uhr
Dr. Susanne Urban und Oliver-Dainow im Gespräch. Sie leitet die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen – er die Geschäfte der Jüdischen Gemeinde Hanau. Erfahrungen und Wahrnehmungen in der Gemeinde- und
Bildungsarbeit und das Thema Empowerment aus jüdischer Perspektive.
9 € / 7 €
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Bei der Vernissage am 19. Februar hielt Michael Thurn, Leitung der Katholischen Stadtkirche in Doppelspitze mit Christiane Moser-Eggs, ein Grußwort. Hier kann es nachgelesen werden:
Die Frau hatte Tränen in den Augen, als sie leise sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass es wieder so schlimm ist“. Der evangelische Stadtdekan Holger Kamlah und ich standen nach dem Gottesdienst zum Reformationstag, bei dem ich in ökumenischer Verbundenheit mit ihm zusammen in St. Katharinen an der Hauptwache predigen durfte, am Ausgang, um die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher zu verabschieden, als die Frau beim Herausgehen kurz bei uns stehen geblieben war.
Der vorgegebene Predigttext in der Leseordnung war an diesem Tag das „Schma Israel“, das „Höre Israel“ (Dtn 6). Der Text also, den ein gläubiger Jude jeden Tag spricht. Und weil es deswegen zuerst ein Bekenntnis der Jüdinnen und Juden ist und gewissermaßen erst in zweiter Hinsicht christlich, lag es nahe, die unverbrüchliche Verbundenheit von Christen mit Juden zu thematisieren. Und damit leider auch, dass diese Verbundenheit in der Geschichte unserer Kirchen furchtbar missachtet wurde. Und dass sie auch heute in unserer Gesellschaft, in unserem Land, nicht mehr selbstverständlich ist. Stadtdekan Kamlah und ich haben erzählt, was wir von Jüdinnen und Juden selbst gehört haben, von deren Alltagserfahrungen, besonders nach dem 7. Oktober 2023. Von dem Gefühl, nicht mehr sicher zu sein. Von der Angst, die immer mitgeht.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es wieder so schlimm ist“ – doch, es ist schlimm. Leider.
Allein in Frankfurt hat RIAS 2024 224 antisemitische Vorfälle dokumentiert. Hessenweit gab es 2024 einen Anstieg von 75%. Die Dunkelziffer wird um ein Vielfaches höher sein.
Die Ausstellung legt ihren Schwerpunkt nicht auf Statistik, so wichtig sie ist. Sie zeigt Beispiele für Antisemitismus aus dem Alltag. Das ist deshalb so wichtig, weil Statistiken abstrakt bleiben und dazu neigen, nur wenig oder gar kein Verantwortungsbewusstsein zu wecken.
Antisemitismuserfahrungen sind aber konkret, sie betreffen ganz konkrete Frankfurterinnen und Frankfurter mitten in unserer Stadt. Sie betreffen den alltäglichen, eigentlich banalen Lebensvollzug von der digitalen oder analogen Briefkastenleerung bis zum U-Bahn-fahren. Sie betreffen das Leben, das wir alle leben. Der Konfrontation mit einer konkreten alltäglichen Erfahrung kann man sich nicht so leicht entziehen wie Statistiken, die man zur eigenen Entlastung galant weginterpretieren und damit verharmlosen kann.
Sich konkreten authentischen, persönlichen Erfahrungen von Antisemitismus auszusetzen, ist also bedeutsam. Gerade weil viele als nicht direkt Betroffene meist wenig davon mitbekommen. Sich erzählen zu lassen, was außerhalb meines eigenen Erfahrungshorizontes liegt, ist die Voraussetzung dafür, Empathie und Solidarität entwickeln zu können. Sensibel zu werden. Die Perspektive der anderen einzunehmen, neu sehen und neu hören zu lernen.
Das trifft auf jegliche Diskriminierungserfahrung von gesellschaftlichen Minderheiten zu. Denjenigen die sagen, an unserem Umgang mit Minderheiten entscheide sich die Zukunft unserer Demokratie, ist zuzustimmen. In der katholischen Kirche haben wir das Hinhören auf Minderheiten und Diskriminierungsbetroffene lernen müssen und müssen es wohl noch viel mehr. Nach innen, aber eben auch nach außen im interreligiösen, gesellschaftlichen Kontext. Und das erst recht, wenn es um Antisemitismus geht.
Nur dann, wenn wir gemeinsam Empathie und aktive Solidarität entwickeln, die uns nicht mehr wegsehen oder weghören lassen, sondern zum couragierten Handeln, zum unmissverständlichen Widerspruch im alltäglichen Einzelfall wie im gesellschaftlich-politischen Kontext führen, nur dann bleiben abstrakte Bekenntnisse nicht wohlfeil. Nur dann dürfen wir in der katholischen Kirche mit Recht auf „Nostra Aetate“ verweisen, der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils, die vor nunmehr 61 Jahren einen theologischen Paradigmenwechsel im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum markierte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es wieder so schlimm ist“. Ja, es ist schlimm. Der konkreten Antisemitismus-Erfahrung wollen wir nicht ausweichen, sondern uns konfrontieren lassen.
Ein Christ kann kein Antisemit sein, im Gegenteil. Aktive und praktische Solidarität mit Jüdinnen und Juden, das ist christlicher Wesenskern. Deswegen müssen wir öffentlich gegen Antisemitismus und gegen jede Form von Judenhass auftreten. Und darum sind wir als katholische Stadtkirche Kooperationspartner dieser Ausstellung. Möge sie dazu beitragen, unser Alltagsbewusstsein bei uns selbst und im familiären, persönlichen und beruflichen Umfeld zu schärfen. Möge sie dazu beitragen, dass der Skandal des Antisemitismus weder bei uns in Frankfurt noch irgendwo anders weiter um sich greift. Möge sie dazu beitragen, dass Jüdinnen und Juden weder in Frankfurt noch irgendwo Hass erfahren und Angst haben müssen.