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"Ich betrachte es als ein Geschenk"

Gemeindereferentin Angela Köhler über ihre Predigt am ÖKT-Samstag und ökumenische Erfahrungen
"Ich betrachte es als ein Geschenk"
"Ich betrachte es als ein Geschenk"
© PrivatGemeindereferentin Angela Köhler predigte am ÖKT-Samstag in der evangelischen Riedberggemeinde.

Angela Köhler, Gemeindereferentin der Pfarrei Sankt Katharina von Siena Frankfurt, hat am ÖKT-Samstag beim gestreamten Gottesdienst in der evangelischen Riedberggemeinde gepredigt. Im Interview erzählt sie, welche besondere Rolle Frauen bei der Ökumene spielen können – und warum sich der Abend fast wie ein „Heimspiel“ angefühlt hat. Unten gibt es ihre Predigt zum Nachlesen.

Frau Köhler, wie haben Sie diesen Abend in der Riedberggemeinde erlebt - in evangelischer Umgebung, vor ökumenisch gemischten Zuhörern?

Bewusst war die evangelische Riedberggemeinde für einen der vier „Streaming“-Gottesdienste im neuen Stadtteil Riedberg ausgewählt worden. Da wir hier aus der Notwendigkeit heraus, dass es erst einmal nichts gab, schon von Anfang an vieles gemeinsam gemacht haben, war es keine besonders ungewöhnliche Situation. Wir kennen uns gut und es ist fast ein „Heimspiel“ gewesen. Regelmäßig feiern wir im Advent und in der Fastenzeit gemeinsam Gottesdienst, einmal im Sommer am Bonifatiusbrunnen und auf dem Weihnachtsmarkt. Alle zwei Jahren sollen die Gemeindefeste ökumenisch etabliert werden. Neu war für mich, dass es ein Abendmahlsgottesdienst war, also ein konfessioneller Gottesdienst, zu dem mich die Pfarrerin einlud, die Predigt zu halten.

Sie haben in Ihrer Predigt Bezug genommen auf die Liebe - innerhalb der katholischen Kirche, aber auch zu den protestantischen Geschwistern - die oft noch von Angst geprägt ist. Was wäre in Ihren Augen nötig, um diese Angst zu überwinden?

Mich macht die Art und Weise der derzeitigen Auseinandersetzung  innerhalb meiner eigenen Kirche oft traurig. Wir erleben, dass sich mehr und mehr Menschen zurückziehen und viele austreten. Jeder weiß um die Missstände. Die Kirche steht in einem denkbar schlechten Licht. Der synodale Weg, die Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie und Initiativen wie z.B. Maria 2.0 versuchen, notwendige Reformen anzustoßen. Ich erlebe allerdings, dass das manchen zu weit geht und sie anderen absprechen, katholisch zu sein und auch nicht bereit sind sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Das meine ich mit Angst: Aushalten, dass einer etwas anderes sagt, das der eigenen Ansicht und Tradition widerspricht. Mir fällt da die Aussage von Papst Franziskus ein, die er in Bezug auf die Homosexualität gemacht hat: „Wer bin ich, dass ich urteile.“

Nur ein gemeinsames Ringen im Austausch und im Gebet, in gegenseitiger Achtung und Toleranz wird uns auf wahrhaftige und richtige Wege führen. Das gleiche gilt natürlich auch in Bezug auf die Ökumene, z.B. bei der  Frage der Eucharistie bzw. Abendmahl. Kein „Laissez-faire“, aber ein Vertrauen darauf, dass Gläubige aller  Konfessionen nicht leichtfertig, sondern nach reifer Entscheidung zum Altar treten, und nicht nur das Verständnis des anderen tolerieren, sondern teilen können.

Am Riedberg gab es von Anfang an eine gemeinsame ökumenische Geschichte. So durfte die katholische Gemeinde in der evangelischen Kirche Gottesdienst halten, als ihre eigene Kirche Sankt Edith Stein noch nicht fertig war. Ist es einfacher, Ökumene in neuer Umgebung zu etablieren, als alte, gewachsene Strukturen aufzubrechen?

Ja, ich glaube es ist einfacher – ich betrachte es als ein Geschenk. Hier in Riedberg spielt vielleicht auch die Tatsache, dass  wir als Frauen manchmal praktischer und pragmatischer agieren, eine Rolle. Allerdings hat es überall mit den Personen vor Ort und ihrer Haltung zu tun. Genauso wie ich mir in meiner Kirche wünsche, dass wir einander zuhören und vertrauen, wünsche ich mir das auch für das geschwisterliche Miteinander in den einzelnen Statteilen und Dörfern, den Gemeinden und Kirchen.

Predigt von Angela Köhler, Gemeindereferentin

Gemeinde Sankt Edith Stein, Frankfurt-Riedberg in der Pfarrei Sankt-Katharina-von Siena-Frankfurt

Frankfurt 21. Mai 2021

 

Liebe Gottesdienstgemeinde,

ein wunderbarer, im wahrsten Sinne des Wortes „liebe-voller“ Text aus dem Johannesbrief ist uns für diesen Gottesdienst geschenkt. Neunzehn Mal kommt das Wort „Liebe“ oder „lieben“ vor. Da kann es einem schwindelig werden. Da kann Liebe fast blind machen. Hier muss man beim Lesen genau „hinschauen“, um alles aufzunehmen und nicht womöglich das eine oder andere zu übersehen. Da aller guten Dinge drei sind, versuche ich drei Facetten benennen:

  1. Gott ist die vollkommene Liebe und ER hat uns zuerst geliebt.
  2. Wir sollen einander lieben – nur so können wir Gott nicht erkennen.
  3. Übersehen dürfen wir dabei nicht, wer uns diese Liebe sichtbar gemacht hat: Jesus Christus.

Es klingt so einfach. Die Welt von der Liebe Gottes durchdrungen - sie könnte ideal sein.

Wenn wir uns allerdings umschauen - und das hat der Ökumenische Kirchentag die letzten beiden Tage getan – sehen wir, dass manches im Argen liegt. Das mit der Liebe zum dem Bruder – oder sagen wir besser zu den Geschwistern – diese zu lieben - gelingt oft nur mäßig.

Daraus ergeben sich all die Themen und Fragen, denen sich die Veranstaltungen und Foren des Ökumenischen Kirchentages gewidmet haben: Wie sieht es aus mit der Globalen Verantwortung – dem Zusammenhalt – unserem Glauben und Vertrauen? Hier braucht es noch ein gerütteltes Maß an tätiger Liebe.

„Schaut hin“ war und ist das Motto des Kirchentages – „Schaut hin“, wie es euch gelingt, das zu leben und umzusetzen, was Gott durch Jesus, den HEILAND - oder wie es in der Einheitsübersetzung heißt: den RETTER – uns in die Wiege gelegt und aufgetragen hat. „Schaut hin“ auf die menschgewordene Liebe. In unseren Gebeten und Gottesdiensten bekennen wir uns zu ihm. In diesem Jahr tun wir es bewusster als sonst gemeinsam mit allen christlichen Kirchen, nicht getrennt, sondern in geschwisterlicher Verbundenheit.

Hier und heute Abend gelingt uns das. An vielen anderen Orten in Frankfurt und Deutschland natürlich auch. Es bleibt oft genug noch ein aber - immer dann, wenn Furcht ins Spiel kommt. „ Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ Wären wir ohne Furcht, würde sich mancher Disput und manche Diskussion erübrigen. Einige fürchten sich vor der Ökumene, weil sie meinen, ihnen wird etwas genommen.

Dann gibt es die, die anderen den Glauben absprechen und meinen, sie alleine besäßen die Wahrheit. Wer das tut, übersieht die Aussage, dass man seinen Bruder, seine Schwester lieben soll, sodass man Gott erkennen kann. Liebe ist mehr als Respekt vor der anderen Konfession. Liebe begegnet anderen als ein gleichberechtigtes Du, dem ich in die Augen schaue, nicht als kleine Schwester, kleinen Bruder, die ich meine, liebevoll erziehen zu müssen.

Dass es mitunter Menschen gibt, die überzeugt sind, sie wüssten genau, dass nur ihre Sichtweise die allein seligmachende ist, kennen wir in der Kirche von Anfang an: Schon die Apostelgeschichte berichtet von den Spannungen zwischen den sogenannten Heidenchristen und Judenchristen.

Wir kennen etliche Beispiele aus der Kirchengeschichte. Kirchen haben sich getrennt – und das nicht immer friedlich.

Aber nicht nur zwischen den Kirchen, sondern auch innerhalb unserer eigenen Glaubensgemeinschaften, sind wir nicht davor gefeit, jemandem, der eine andere Meinung vertritt, den Glauben abzusprechen.

Vergangenes Jahr war ich in Schmalkalden und konnte in einer Ausstellung komprimiert zusammengefasst lesen, dass es schon in der noch jungen Reformationszeit unter den verschiedenen reformatorischen Theologen Streit um die Frage des Abendmahles und seines Verständnisses gab.

Heute erlebe ich in meiner Kirche, dass bei einigen die Furcht regiert, wenn es um den synodalen Weg geht oder um Maria 2.0. Manche schauen nur zurück in vermeintlich gute alte Zeiten der Kirche und sprechen anderen ab noch katholisch zu sein.

Warum?
Warum lassen wir so viel Furcht zu?
Warum trauen wir der Liebe nicht?
Warum beherzigen wir nicht die Aussagen, dass Christus der Retter, der Heiland ist?
Warum sehen wir in all den anderen Christen nicht zuerst die Schwester, den Bruder die alle ein gemeinsames Glaubensbekenntnis haben – ein Bekenntnis, in dem die Frage des Abendmahls oder der Eucharistie nicht einmal benannt ist?

Heute und in den Tagen des Ökumenischen Kirchentags war es hoffentlich so, dass viele sich vergewissern konnten, was alle Getauften verbindet – um daraus gemeinsam die Kraft zu gewinnen, die Welt liebenswerter zu machen, im Geiste des Johannesbriefes. Betonen, was uns vereint – und nicht was trennt – „ökumenisch sensibel“. An allen Altären heute Abend und in vielen Gottesdiensten erfüllen wir, was Jesus seinen Jüngern beim letzten Abendmahl aufgetragen hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“.

Heute auch hier in Riedberg, im Norden der Stadt Frankfurt, einem jungen neuen Stadtteil.

Hier proben und leben wir schon von Anfang an Ökumene. Da es hier zunächst noch nichts gab, waren wir von Anfang an aufeinander angewiesen, hin zu einer gelebten Geschwisterlichkeit.

Begonnen hat es unterhalb dieser Kirche am Bonifatiusbrunnen, eine der Quellen des Christentums hier in dieser Gegend. Maßgeblich von zwei katholischen Pfarreien durch finanzielle Unterstützung erhalten, sonst wäre er, wenn es nach Plänen der Stadt gegangen wäre, “weg“ – nicht mehr sichtbar. Hier war der Taufort der evangelischen Gemeinde solange diese Kirche noch nicht stand.

Die katholische Gemeinde durfte hier in der evangelischen Kirche Gastfreundschaft erfahren zu einer Zeit, als ihre Kirche Sankt Edith Stein noch nicht fertig war – an diesem Altar durften wir schon Eucharistie feiern und Weihrauchduft durchflutete den Raum.

Gemeinsam haben wir uns im Stadtteil dafür eingesetzt, dass auf dem jährlichen Weihnachtsmarkt „Gottesdienst“ gefeiert wird, dass wir neben dem Kommerz, das „eigentliche“ der Weihnacht – die Geburt des Retters – ins Bewusstsein rufen.

Auch ein über diesen Stadtteil hinausgehendes Ereignis haben wir ökumenisch begangen: bei der Eröffnung der U-Bahn-Linie 8 - auf deren Jungfernfahrt - haben wir mit einem ökumenischen Gottesdienst in der fahrenden U-Bahn diese Strecke unter den Segen Gottes gestellt.

Immer gemeinsam, immer mit Freude, immer mit der Hoffnung, dass es uns gelingt etwas von der von Johannes beschriebenen Liebe – wenigstens anfanghaft - aufscheinen zu lassen und im Alltag Gott sichtbar zu machen.

Wir sind und waren nicht nur fromm, sondern schauen auch auf das, was sonst in diesem Stadtteil geschieht.

So blicken die christlichen Gemeinden in Riedberg regelmäßig auf die Geschichte unserer Stadt, unseres Landes im 20. Jahrhundert: an Abenden mit Zeitzeugen. Viele Straßen hier tragen die Namen von Widerstandskämpfern. Auch der Name unserer katholischen Kirche ist bewusst gewählt: Edith Stein, die sich taufen ließ, aber aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln, die sie nie verleugnet hat, umgebracht wurde. Alle drei christlichen Gemeinden fühlen sich diesem Erbe verpflichtet.

Unser Miteinander in Riedberg wird auch sichtbar bei Veranstaltungen mit der Goethe-Universität, die ja unweit von hier ihren Naturwissenschaftlichen Campus hat. Unsere ersten „Ökumenischen Abende“ vor 15 Jahren mit Professoren aus unterschiedlichsten Fakultäten, widmeten sich Themen aus der Wissenschaft, im Dialog mit Theologie und Glauben.

Ein nur kleiner Blick auf die gelebte Ökumene hier vor Ort.

Eigentlich hätten wir heute, wie es viele Gemeinden in Deutschland tun, einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert, darin sind wir gut geübt. Wir, die evangelische und katholische Kirche und die freikirchliche Josua-Gemeinde – sie merken: bei uns ist Kirche immer weiblich.

An der Basis gelingt vieles besser.

Die großen Tische in der Innenstadt an der Hauptwache zeigen: da muss manches in den Gesamtkirchen noch wachsen, damit wir alle einen guten Platz auf Augenhöhe haben. Vielleicht können die vielen kleinen Erfahrungen an vielen kleinen Orten das Gesicht der christlichen Kirchen - als eine in Einheit wahrgenommene Kirche - verändern.

Heute sind wir hier in der evangelischen Kirche und feiern einen konfessionellen Gottesdienst – „ökumenisch sensibel“.

Das hört sich etwas „geheimnisvoll“ an. Ja, es ist und bleibt ein Ringen um das Geheimnis, das wir in unseren verschiedenen christlichen Traditionen feiern.

Es ist kein laisez-faire.

Es ist das, was uns Christen aufgetragen ist: „Tut dies zu meinen Gedächtnis.“

Es ist das, was wir bekennen: „Deinen Tod, o Herr verkünden wir, deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“.

Es ist das, was uns Johannes neunzehnmal zugerufen hat: Liebe.

Es ist Gottes-Liebesdienst an uns, indem er uns seinem Geist gibt.

In diesem Geist verbunden, freue ich mich über die Einladung heute Abend und danke herzlich. AMEN.

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