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Fassungslos vor Trauer

Fassungslos vor Trauer
Fassungslos vor Trauer
80 Jahre nach der Pogromnacht: Anlass für Erinnerung und Mahnung - von links: Rabbiner Julian-Chaim Soussan, der evangelische Stadtdekan Achim Knecht, der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz © Rolf Oeser

Vier Stationen eines Gedenkweges

„Wir wollen beten, dass so etwas nie wieder geschieht“, fassungslos vor Trauer schaue man auf das, was spätestens mit der Pogromnacht am 9. November 1938 Umrisse bekam – die von den Nationalsozialisten initiierte Vernichtung der Jüdinnen und Juden - so Susanna Faust Kallenberg, Pfarrerin für interreligiösen Dialog beim Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt, heute bei der zweiten Station des Gedenkgangs „Im Gehen erinnern“. Während sie das sagte, konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum einen ihren Blick auf das in den achtziger Jahren für die Stadtwerke am Börneplatz errichtete Klinkergebäude lenken, zum anderen konnten sie auf einer Fassade eine Projektion des berühmten Max Beckmann Bildes der Frankfurter Synagoge anschauen. Hier stand das jüdische Gotteshaus, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ist es in Flammen aufgegangen.

Mehr als 350 Menschen folgten dem Aufruf von Evangelischer und Katholischer Kirche, Jüdischer Gemeinde Frankfurt, Jüdischer Volkshochschule und Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gemeinsam an verschiedenen Stationen der ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und des Fanals vor achtzig Jahren zu gedenken. Zwischen dem Ausgangspunkt am Dom und dem Ziel, der Erinnerungsstätte an der früheren Großmarkthalle, wo ein Großteil der Frankfurter Abtransporte in die Konzentrationslager stattfanden, gesellten sich weitere Menschen - vor allem Jugendliche - hinzu, die mit ihren Lehrern an dem Gedenkgang teilnahmen.

An Mitleid hat es gefehlt

Der spätherbstliche Sonnenschein des 9. Novembers 2018 kontrastierte mit den düsteren Erinnerungen, doch bewusst war die Mittagszeit gewählt worden, denn mit der aufkommenden Dunkelheit beginnt an diesem Freitag auch der Schabbat – und dieses Gedenken sollte ein gemeinsames sein. An Mitleid, auch an Solidarität habe es 1938 gefehlt, sagte der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz bei seiner Begrüßung an der Südseite des Doms. In seinen abschließenden Worten am Zielort äußerte er: „Die Mörder waren fast alle getauft – und die Kirche blieb stumm.“

Auch der evangelische Stadtdekan Achim Knecht sprach das Versagen der Christinnen und Christen an. Aus Nachbarn seien „andere gemacht worden“, dies dürfe nicht mehr geschehen, äußerte Knecht an der Gedenkstätte unter der Eisenbahnbrücke unweit der in den EZB-Bau integrierten früheren Großmarkthalle. Es gelte auch heute „rassistischen Vorurteilen entschieden entgegenzutreten“, betonte Knecht in seiner Rede. Jüdinnen und Juden sollten in dieser Stadt keine Angst mehr haben dürfen.

Die Mörder waren fast alle getauft – und die Kirche blieb stumm.

Stadtdekan Johannes zu Eltz

Heimat auf knirschendem Grund

Petra Kunik, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Frankfurt, erinnerte beim Dritten Halt des Gedenkgangs am Börneplatz an die Geschichte der Jüdinnen und Juden in dieser Stadt. Erstmals erwähnt wurden Menschen diesen Glaubens in Frankfurt im Januar 1074, im 12. Jahrhundert gab es eine Jüdische Gemeinde, 1462 wurden die rund 200 Frankfurter Jüdinnen und Juden hinter die Stadtmauern verbannt, „das erste Ghetto in Europa entstand“, erläuterte Kunik. Spitze Kiessteine bilden den Bodenbelag der Börneplatz-Gedenkstätte, die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit machte auf das Knirschen aufmerksam: Kein Grund, über den sich glatt hinweggehen lässt. Und doch ist er Kunik ein Stück Heimat.

Die in Erinnerung an die Deportierten Hedwig und Gustav Zuntz sowie an Moritz Cohn in das Pflaster der Uhlandstraße verlegten Stolpersteine waren ein Ort des Gedenkens der heutigen Route. Der Paul-Arnsberg-Platz, der an den jüdischen Publizisten und Juristen diesen Namens erinnert, der 1933 nach Palästina flüchtete und 1958 nach Frankfurt zurückkehrte und sich hier der Jüdischen Gemeinde und Historie widmete, war ein weiterer Punkt des Innehaltens.

Antisemitismus Seismograph für Demokratie

Der Rabbiner Julian Chaim Soussan ergriff erst bei der letzten Station, der Gedenkstätte an der EZB, das Wort. „Was für ein unendliches, unbeschreibliches Leid ist von hier aus in die Welt getragen worden“ - wie lasse es sich in so einem Land leben?, würden jüdische Menschen in Deutschland gefragt. Er selber sei hier geboren und aufgewachsen, berichtete Soussan, er habe Vertrauen in das „nie wieder“, in Demokratie und Rechtsstaat, entwickelt. Und doch sehe er mit Sorgen, dass sich in Europa ein neuer Zyklus des Vertreibens abzuzeichnen scheint. Der Rabbiner befand: „Antisemitismus ist der Seismograph einer jeden demokratischen Gesellschaft.“ Dankbar sei er für die, die mitgehen beim Gedenken, wichtig sei es aber auch, in die gesamte Gesellschaft auszustrahlen und dafür zu sorgen, das „Verharmloser, Leugner und Populisten“ kein Gehör finden.  (Bettina Behler/ERV)