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An den Stellschrauben drehen

Denkwerkstatt in Frankfurt zu den Ergebnissen der Kirchenstudie „Projektion 2060“
An den Stellschrauben drehen
An den Stellschrauben drehen
© Bistum Limburg

Bis 2060 soll die Katholikenzahl im Bistum Limburg um fast die Hälfte und das Kirchensteueraufkommen kaufkraftbedingt um mehr als 40 Prozent sinken. Dass diese verheerenden Prognosen aus der Kirchenstudie „Projektion 2060“ für die katholische Kirche dennoch kein Grund sein sollte, in Depression oder Pessimismus zu verfallen, wurde am Samstag, 7. März, im Forum Colosseo bei der Denkwerkstatt „halbvoll“ in Frankfurt auf eindrückliche Art erfahrbar. Mehr als 90 Teilnehmer aus dem gesamten Bistum beschäftigten sich mit den Ergebnissen der Kirchenstudie und der Frage, wie Kirche darauf reagieren kann. Dabei wurde deutlich: Kirche kann noch an zahlreichen Stellschrauben drehen, um gegenzusteuern. Dazu ist aber auch ein entschiedenes Handeln über Diözesangrenzen hinweg notwendig.   

Demografische Entwicklung, Kirchenaustritte und niedrige Taufzahlen

David Gutmann vom Zentrum Generationenforschung in Freiburg, der zum Team des Freiburger Demografen Bernd Raffelhüschen gehört und an der Kirchenstudie mitgearbeitet hat, stellte die Ergebnisse für das Bistum Limburg vor: Demnach sinke die Zahl der Katholiken im Bistum Limburg bis 2060 auf 295.000. Im Vergleich zu anderen Bistümern seien demografische Faktoren aber nur unterdurchschnittlich verantwortlich für den Rückgang. Das Rhein-Main-Gebiet profitiere im Moment noch stark von Zuzügen aus anderen Ländern, erklärte der Volkswirtschaftler. Die hohe Zahl der Kirchenaustritte und eine besonders niedrige Quote bei Taufen und Erwachsenentaufen wirkten hingegen deutlich stärker.

© Bistum Limburg

Kirchensteuer ist nicht Grund, sondern weiterer Anlass für Austritt

Besonders hoch sei die Wahrscheinlichkeit, aus der Kirche auszutreten, zum Berufsbeginn zwischen 24 und 34 und Mitte 50, wenn Kinder aus dem Haus sind und das Einkommen besonders hoch ist, so Gutmann. Häufig sei die Kirchensteuer aber nicht der alleinige Grund, sondern nur ein weiterer Anlass für den Austritt: Viele Menschen hätten sich von der Kirche entfremdet und keinerlei Kontakt mehr zu Pfarreien. „Bis zum 31. Lebensjahr sind schon 28 Prozent der katholischen Männer und 23 Prozent der Frauen aus der Kirche ausgetreten“, sagte Gutmann. Die Wahrscheinlichkeit auszutreten, steige bereits nach der Firmung an, wo viele Jugendliche zum letzten Mal Kontakt zur Pfarrei hätten. Auch durch einen berufs- oder studienbedingten Wegzug gehe der Kontakt verloren. „Das Thema Austritte muss uns noch stärker beschäftigen“, mahnte Gutmann eindringlich. Erforderlich sei ein deutschlandweites Herangehen: „Es darf uns in Limburg und Freiburg nicht egal sein, dass Menschen in Berlin und Hamburg austreten.“ Personen, die aus dem Süden in die städtischen Zentren im Norden oder Osten zögen, kehrten nicht selten als Ausgetretene zurück.

Es gibt bereits viele Versuche, Kirchenaustritte zu verhindern

Mit der Zahl der Mitglieder sinke auch das Kirchensteueraufkommen dramatisch, machte Gutmann deutlich. Bis 2060 werde das Kirchensteueraufkommen für das Bistum Limburg um 20,3 Millionen Euro sinken. Kaufkraftbereinigt liege der Rückgang bei 44 Prozent im Vergleich zum Jahr 2017. Der Rückgang könne aber auch deutlich höher oder niedriger ausfallen. Gelinge es beispielsweise Kirchengemeinden mit 2000 Katholiken nur drei Kirchenaustritte in den kommenden Jahren zu verhindern, dann steige die prognostizierte Zahl der Katholiken im Bistum 2060 um 25.000.

© Bistum Limburg
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Kirchenproblem ist auch Problem mit der Botschaft

„Wir haben nicht nur ein Kirchenproblem, sondern auch ein Problem mit der Notwendigkeit unserer Botschaft“, glaubt Jan Loffeld. Der Utrechter Pastoraltheologe plädiert dafür, die bestehenden Probleme und Herausforderungen mit einer anderen Brille zu betrachten: Viele Menschen hätten das grundsätzliche Interesse an Religion und religiösen Fragen verloren. „In der Religionswissenschaft ist diese Gruppe der „Nons“, der religiös Indifferenten, die am stärksten wachsende Gruppe.“ Auch die Gleichgültigkeit gegenüber Religion sei gewachsen. Diesem pragmatischen Desinteresse könne man nicht mit Qualitäts- oder Reformbemühungen begegnen, so Loffeld. Dennoch müsse Kirche auf diesem Feld aktiv werden.

Die Relevanz des Evangeliums für das Leben herausstellen

Gleichzeitig machte Loffeld den Anwesenden auch Mut für ihren Weg der Kirchenentwicklung: „Religion ist nicht am Ende. Sie zeigt sich nur völlig anders“, sagte Loffeld. Neben den Kirchen existiere ein lebendiges, religiös profiliertes Feld, das sich durch quasi-religiöse Angebote auszeichne. Kirchen hätten hier die Chance, Menschen zu erreichen. Das aus Holland kommende Musical-Ereignis „The Passion“ zeige außerdem, dass es ein Interesse an sinnstiftenden Erzählungen gebe. „Wir müssen die Small-Stories der Leute auf diverse Weise mit unserer Big-Story in Verbindung setzen“, erklärte Loffeld. Die Botschaft des Evangeliums müsse mit den persönlichen Lebensgeschichten verknüpft werden.

© Bistum Limburg
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Workshop-Angebote am Nachmittag

Die Impulse aus den Vorträgen wurden in verschiedenen Workshops am Nachmittag weiter vertieft. Unter anderem stellte Pfarrer Werner Otto aus der Pfarrei St. Bonifatius zusammen mit Professor Claudius Wagemann Ergebnisse einer Studie zum Thema „Qualität in Gottesdiensten“ vor. David Schulke präsentierte das neue Konzept der Villa Gründergeist als Social Hub und Lernort für Kirche und Starts-ups vor. Linda Gugelfuß von der Phineo gAG aus Berlin diskutierte mit Teilnehmern darüber, wie das eigene Engagement besonders wirksam werden kann.

Gemeinsame Vision für Veränderungsprozesse besonders wichtig

Während des Tages wurde auch deutlich, dass das Bistum eine gemeinschaftliche Vision von Kirchesein als Orientierung für Veränderungsprozesse entwickeln muss. Bei einer Diskussion unterstrich Loffeld, dass frühere Kirchenbilder heute nicht mehr tragen würden. Eine Vision für das Bistum Limburg müsse so eng wie möglich und so weit wie nötig sowie geistlich grundiert sein. Kirche sei keine Nichtregierungsorganisation. David Gutmann wies darauf hin, dass neben der Vision eine gute Strategie ebenso wichtig sei. In vielen Pfarreien liefen bereits viele strategische Prozesse. „Ich habe hier aber auch die Erwartung, dass die Bistümer noch mehr machen“, sagte Gutmann. Derzeit arbeitet das Bistum Limburg in verschiedenen Gremien an diesem Thema.