Frankfurt, 30.09.2026
Ein Ort, an dem man bleiben darf
Ein bisschen Weihrauch, ein wenig geweihtes Wasser – und jede Menge Erleichterung: Nach jahrelanger Planung und intensiver Bauzeit ist am Dienstagabend die Begräbniskirche St. Michael auch ganz offiziell eröffnet worden. Beim festlichen Gottesdienst schritt Generalvikar Dr. Wolfgang Pax durch die Kirche und segnete die zwölf offenen Ringe, in denen bis zu 2500 Urnen bestattet werden können. Begleitet wurde er dabei von Verena Maria Kitz, Leiterin des Fachzentrums für Trauerseelsorge, sowie Gemeindereferentin Judith Poser und Gemeindereferent Ralph Messer, beide Trauerbegleitung und im Team des Trauerzentrums. Verena Maria Kitz verlas die Namen der ersten zwölf Menschen, die in St. Michael in den vergangenen Wochen bereits bestattet wurden, später wurden zu den Fürbitten Kerzen angezündet, anschließend gab es Grußworte.
Die Predigt des Generalvikars nahm Bezug auf den Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“) und auf das Lukas-Evangelium (24, 13-31), das von zwei Emmausjüngern erzählt, die am Tag der Auferstehung Jesu von Jerusalem nach Emmaus wandern – und denen Jesus sich unerkannt anschließt und mit ihnen geht. „Da kommt dieser unbekannte Begleiter, er geht den Weg der Trauer mit, er lässt sie erzählen vom Tod und von der Verstörung, ein Wechselbad der Gefühle, das alle von uns kennen, die schon Trauer erlebt haben“, so Wolfgang Pax. Trauerbegleitung sei Mitgehen, und dafür danke er allen, die sich in der Trauerbegleitung engagieren. „Wir nehmen den Tod und seine Folgen ernst, diese Begräbniskirche ist ein Ausdruck davon. Es ist ein guter Ort, ein ästhetischer, umsorgter und begleiteter Ort“, so Pax. Bei aller Sehnsucht nach bleibenden Orten hole den Menschen seine Pilgerexistenz ein. „Ein Leben zu begreifen als Zelt der Begegnung mit Gott ist für mich ein inspirierender und tröstlicher Gedanke. Zum Segnen dieses Ortes schöpfen wir Weihwasser aus dem Taufbrunnen, weil hier die Verbundenheit mit Christus beginnt.“
Anders sehen lernen
Ralf Stammberger. Bereichsleitung Pastoral und Bildung im Bistum Limburg, sagte: „Die Begräbniskirche hat Kraft und Ausstrahlung. Es ist ein Ort, der uns mitten im Leben auf den Tod fokussiert, den prekärsten Moment im Leben. Der Tod, an dem unsere Hoffnung, unser Glaube, unsere Liebe ihre Tragfähigkeit beweisen müssen.“ Dafür habe der Kirchenraum sich verändert: „Früher haben wir vom Altar in Richtung der Gemeinde geblickt, jetzt sitzt die Gemeinde hinter dem Altar und wir schauen andersherum in diese Runde. Es gibt einen neuen Zweck für diesen Kirchenbau, der zum Ausdruck bringt, dass wir eine Gemeinschaft von Lebenden und Toten sind.“
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Verena Maria Kitz schloss daran an, man habe einen gastfreundlichen Ort schaffen wollen: „Für Verstorbene eine würdevolle letzte Ruhestätte, ganz unabhängig davon was man hat, gilt, was man glaubt oder geleistet hat – hier gibt es nur gute Plätze. Aber auch einen würdevollen Ort für die Lebenden, an dem gesorgt wird, an dem sie Beistand finden, miteinander beten, glauben und wirken, vielleicht auch eine neue Aufgabe finden und sich selbst in der Trauerbegleitung engagieren.“ Hier könnten Menschen dem Tod begegnen, sich damit auseinandersetzen. „Und hoffentlich etwas darüber lernen, was man früher Ars Moriendi genannt hat: Die Kunst zu sterben. Und damit auch die Kunst, zu leben.“
Nicht herausgetragen werden
Es habe sie immer gestört, dass Verstorbene nach dem Trauergottesdienst aus der Kirche herausgetragen würden, sagte Stadtverordnetenvorsteherin Claudia Korenke in ihrem Grußwort. „Hier darf man bleiben. Die Menschen, die hier die letzte Ruhe finden, leben für immer mit uns, sie erleben Gebet, Musik, Andacht und Freude. Die Idee einer Begräbniskirche ist großartig.“
Stadtrat und Verkehrsdezernent Yannick Schwander übermittelte die Grüße des Magistrats. „Was ist das für ein Weg, wenn man sich vorstellt, dass ein Mensch getauft wird, Einzug in die Gemeinde findet, und vielleicht in ein und derselben Kirche Einzug ins Himmelreich findet. Eins sehr besonderer Weg, dem Sie als Kirche den Rahmen bereiten.“ Frankfurt sei eine vielseitige Stadt, das zeige sich auch an den vielen Möglichkeiten der Bestattung. „Frankfurt ist mit der ersten Begräbniskirche Hessens einmal mehr Vorreiter“, hob er heraus.
Neue Wege in bewährtem Rahmen
Regierungsdirektor Christoph Sagebiel sagte, Tod und Umgang mit dem Tod seien zentrale Elemente des menschlichen Zusammenlebens. Mit dem 2025 neu beschlossenen hessischen Friedhofs- und Bestattungsgesetz habe der Gesetzgeber entschieden, am Friedhofszwang festzuhalten – übrigens anders als Rheinland-Pfalz, wo seitdem auch das Aufbewahren von Urnen im heimischen Umfeld möglich ist. „Diese Entscheidung unterstreicht die Tradition, der Schutz der Totenruhe bleibt das Kriterium“, so Sagebiel. Und: „Es zeigt, dass wir auch in einem bewährten rechtlichen Rahmen neue Wege gehen können. Für mich ist das der Beweis dafür, dass Tradition und Moderne nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen, sondern sich ergänzen können.“
Stefan Muth, Bereichsleitung Ressourcen und Infrastruktur sowie Diözesanbaumeister im Bistum Limburg, sagte, St. Michael gehöre zu den eindrucksvollsten Sakralbauten des 20. Jahrhunderts in Frankfurt. „Ein solcher Bau fordert uns heraus, seinen Charakter zu bewahren. Die Umnutzung von Kirchen ist eine der großen Aufgaben unserer Zeit. Es geht nicht allein um die Frage, was baulich möglich ist, es geht darum, eine Form zu finden, die dem Charakter und der Würde gerecht wird. Dies ist hier in besonderer Weise gelungen. St. Michael hat eine neue Zukunft bekommen, ohne seine Geschichte zu verlieren.“
Besondere Verantwortung
Architektin Claudia Meixner vom Büro Meixner-Schlüter-Wendt hat über Jahre intensiv an dem Projekt gearbeitet und freute sich besonders, dass zur Eröffnung alle Teammitglieder gekommen sind. „St. Michael ist für uns ein ganz besonderes Projekt, eine besondere Verantwortung. Es ging darum, die Grenzen zwischen Leben und Tod spürbar zu machen und sie zugleich aufzulösen. Die offenen Ringe versinnbildlichen das Bedürfnis jedes Menschen, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen und trotzdem individuelle Freiheit zu spüren.“
Der Evangelische Stadtdekan Holger Kamlah war bereits in der Auswahljury des Wettbewerbs, der der Auftragsvergabe an die Architekten voran ging, vertreten. Bei der Eröffnung überbrachte er die Glückwünsche seiner Kirche und sagte: „Wir schauen als evangelische Schwesterkirche mit großem Respekt und Bewunderung auf das, was das Bistum Limburg hier geschaffen hat. Es ist gelungen, einen Ort der Trauer und Zuversicht zu schaffen, einen Ort, der für alle Menschen dieser Stadt offen ist.“
Michael Thurn, der in Doppelspitze die katholische Stadtkirche leitet, nahm in seinem Grußwort Bezug auf das Trauer-Bilderbuch „Ente, Tod und Tulpe“, in dem der Tod zum unaufdringlichen Begleiter der Ente wird und sie auch nach ihrem Sterben sanft geleitet. Das erinnere ihn an das, was die Trauerseelsorge anbiete, sagte Thurn: „Begegnung, Gespräch, Begleitung auf unaufdringliche Weise.“ Als katholische Stadtkirche sei man sehr dankbar für diesen Ort. „Schon jetzt ist die Begräbniskirche ein wichtiger Knotenpunkt im stadtkirchlichen Netzwerk, sie zahlt ein auf unser Selbstverständnis, Kirche in der Stadt zu sein und dem Leben zu dienen“, so Thurn. Er dankte dem Bistum Limburg, dessen Verantwortlichen den Mut und die Mittel aufgebracht haben, dieses Projekt zu realisieren.