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Sie ist Frankfurts einzige ehrenamtliche „Bestatterin“

Sie ist Frankfurts einzige ehrenamtliche „Bestatterin“
Sie ist Frankfurts einzige ehrenamtliche „Bestatterin“
Ursula Avery und ihr Mann Klaus Weißbecker blättern den Ordner mit Beerdigungsunterlagen durch. © A. Zegelman / Bistum Limburg
© Klaus WeißbeckerUrsula Avery bei einer Bestattung.
© Klaus WeißbeckerUrsula Avery bei einer Bestattung.

Eigentlich verlief das Trauergespräch ruhig, die Tochter einer alten Dame, die verstorben war, wirkte gefasst. Doch plötzlich fing sie bitterlich an zu weinen. „Als ich fragte, warum, zeigte sie mir dicke Ordner mit Feldpost von ihrem im Krieg gefallenen Vater, den sie nie kennenlernen konnte und der nie eine Beerdigung bekommen hat“, erzählt Ursula Avery. Sie versprach der Trauernden: „Wir veranstalten die Beerdigung für Ihre Mutter und Ihren Vater!“ Und das tat sie auch. Neben dem Grab stand das Hochzeitsbild des Paares, die Trauerrede handelte selbstverständlich von beiden, und später wurde auch der Name des toten Vaters auf den Grabstein graviert. Für die Tochter eine Möglichkeit, Abschied zu nehmen – und abzuschließen.

Es sind die Begegnungen wie diese, die Ursula Avery im Gedächtnis bleiben. Die 74-Jährige aus Praunheim ist die einzige Ehrenamtliche Frankfurts, die neben Trauerbegleitung auch Beerdigungsdienst übernimmt. 2016 leitete sie erstmals eine Bestattung; ein befreundeter Lektor hatte sie darum gebeten. Die Verstorbene war zwar aus der Kirche ausgetreten, aber dennoch gläubig; die Tochter wünschte sich deshalb eine katholische Beerdigung für ihre Mutter.

„Darf ich das überhaupt?“

Ursula Avery, von Haus aus Religionslehrerin und Schulleiterin, wunderte sich über die Anfrage, wusste sie doch zunächst nicht einmal, ob sie überhaupt „beerdigen“ darf. Doch nachdem sie sich informiert hatte und eine positive Antwort bekam, tat sie es schließlich. „Es überraschte mich, wie froh und dankbar alle Beteiligten über die Trauergespräche, die Beerdigung selbst und die nachfolgenden Gespräche waren“, sagt Ursula Avery, die selbst verwitwet und mittlerweile in zweiter Ehe verheiratet ist.

Nach diesem ersten ermutigenden Erlebnis sei Pfarrer Holger Daniel aus ihrer Pfarrei St. Marien auf sie zugekommen mit der Frage, ob sie sich vorstellen könnte, ab und zu ehrenamtlich Beerdigungen zu übernehmen. „Ich sagte ihm zu und war auch ein wenig stolz, dass er mir diese wichtige Aufgabe zutraute“, erinnert sie sich. Mit ihm als direkten Ansprechpartner und Mentor wagte sie sich an weitere Bestattungen.

Offiziell vom Bistum beauftragt

Mittlerweile hat sie insgesamt 26 Menschen „beerdigt“ – und tut dies mittlerweile sogar ganz offiziell: 2020 wurde sie vom Bistum mit Trauerbegleitung und Beerdigungsdienst beauftragt. Bestatten darf Ursula Avery nur auf dem Territorium der Pfarrei St. Marien und in enger Abstimmung mit dem Pfarrer. Die Planung läuft über das Pfarrbüro, die pensionierte Lehrerin wird als Entlastung der Hauptamtlichen eingesetzt. Sie macht es gern, denn immerhin, so sagt sie selbst, habe sie ja Zeit.

Vor einer Beerdigung besucht Ursula Avery die Angehörigen und lässt sich alles über die oder den Verstorbenen erzählen, was wichtig sein könnte. In ihrer Trauerrede versucht sie, spürbare Konflikte mit dem Verstorbenen zu einem positiven Abschluss zu bringen. „Die Beerdigung ist oft die letzte Möglichkeit einer Versöhnung“, sagt sie nachdenklich. Geld nimmt Ursula Avery für ihre Dienste keins – und bekommt sie doch einmal etwas zugesteckt, leitet sie es direkt als Spende ans Ökumenische Hilfenetz Frankfurt Nordwest weiter, in dem sie mit ihrem zweiten Mann Klaus Weißbecker sehr engagiert ist.

Hilfe endet nicht am Grab

Ursula Avery begleitet die Familien auch über die Beerdigung hinaus in ihrer Trauer, ruft an oder schreibt Briefe. Allein schon, weil sie aus eigener Trauererfahrung weiß, wie gut es tut, wenn jemand sich meldet. Falls gewünscht, segnet sie auch den Grabstein, wenn er gesetzt wird. 2019 hat sie außerdem zusammen mit ihrem Mann die ökumenische Gruppe „Herbstzeitlose“ gegründet, bei der mittlerweile über 30 verwitwete oder alleinstehende Menschen mitmachen. Die „Herbstzeitlosen“ wollen kein Ersatz für eine Trauergruppe sein und auch nicht gemeinsam Trauergeschichten wiederholen, sondern Witwen und Witwern helfen, durch gemeinsame Aktivitäten aus der Einsamkeit zu kommen und neue Menschen kennenzulernen. Unterstützt werden sie dabei von Pastoralreferent Andreas Böss-Ostendorf, der ihnen ein kompetenter Ansprechpartner ist und aktiv mitarbeitet. Wegen der Pandemie konnten die „Herbstzeitlosen“ sich länger nicht treffen und nur am Telefon Kontakt halten, doch nun finden die gemeinsamen Treffen wieder statt. Für September ist zum Beispiel eine Schifffahrt geplant.

Erkundungsprojekt prüft Möglichkeiten

Im Bistum bleibt Ursula Avery mit ihrem Engagement nicht alleine: Im Zuge eines Erkundungsprojekts sind in der Wiesbadener Pfarrei St. Birgid ein Jahr lang Ehrenamtliche für Trauerbegleitung und Beerdigungsdienst qualifiziert und nun beauftragt worden. Damit möchte das Bistum neue Ideen und Modelle in verschiedenen Pfarreien erproben – und die Möglichkeit vielleicht künftig auch an anderen Standorten anbieten. Auch für Frankfurt wäre es denkbar, weitere Ehrenamtliche nach entsprechender Qualifizierung zu beauftragen.

Wer Ursula Avery für eine Beerdigung anfragen oder bei den „Herbstzeitlosen“ mitmachen möchte, kann sich ans Pfarrbüro von St. Marien wenden unter Telefon (069) 795 395 90 oder per E-Mail an pfarrbuero@bistummarien-frankfurtlimburg.de.

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