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Naturschutz: Welchen Rat geben heilige Schriften?

"Tag der Religionen" findet erstmals digital statt
Naturschutz: Welchen Rat geben heilige Schriften?
Naturschutz: Welchen Rat geben heilige Schriften?
Farbenfrohe Dekoration in der Vishwa Hindu Parishad Frankfurt. © Rat der Religionen

Wie sehr die Corona-Pandemie die verschiedenen Glaubensgemeinden beeinflusst, wird beim vierten Tag der Religionen deutlich, der aufgrund der aktuellen Situation erstmals online stattfindet. In neun bildgewaltigen und atmosphärischen Videos, jedes gut drei Minuten lang, sind betende Menschen mit Mundschutz zu sehen – und immer wieder wird auch direkt über das Virus gesprochen, das die Welt seit Monaten beschäftigt.

Seit Sonntag, 6. September – dem eigentlichen Tag der Religionen, sind die Filme sowie die Grußbotschaften der Stadt Frankfurt am Main auf der YouTube-Plattform des Rates zu sehen. Dabei werden Frankfurterinnen und Frankfurter viele bekannte Einrichtungen wiedersehen und neue Orte entdecken. „Vielleicht fragen Sie sich wie wir: Was haben Religionen, die ja teils Jahrtausende alt sind, zu der topaktuellen Herausforderung durch Umweltverschmutzung und Klimakatastrophe zu sagen?“, so Professor Dr. Joachim Valentin, Vorsitzender des Rates der Religionen Frankfurt, in seiner Einführung. „Trösten Religionen ihre Mitglieder nur, vielleicht gar mit Vorstellungen eines apokalyptischen Endkampfes oder Gerichtes, die den ökologischen Weltuntergang einfach nur in Kauf nehmen? Oder transportieren sie vielleicht in ihren heiligen Schriften wertvolles Wissen über eine nachhaltige Landwirtschaft und einen geschwisterlichen Umgang mit der Natur?“

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Einführung von Prof. Dr. Joachim Valentin, Vorsitzender des Rates der Religionen Frankfurt

Dieser spannenden Fragestellung geht der „Tag der Religionen“ diesmal nach. Das Überthema des diesjährigen Aktionstags, an dem sich seit 2017 alljährlich die religiöse Vielfalt Frankfurts zeigt, lautet „Religion und Natur“. Wie dicht beides miteinander und der aktuellen Situation verknüpft ist, wird bei den intensiven Gesprächen, die das Redaktionsteam mit Pfarrerinnen und Pfarrern, Imamen und Rabbinern, tibetischen Mönchen, Geistlichen und Gläubigen führte, deutlich. Und auch, wie viele Gemeinsamkeiten die unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften einen.

Die Natur kann auch strafen

„Eine Vielzahl der Katastrophen, darunter auch die Corona-Pandemie, entstehen aufgrund der Zerstörung der natürlichen Lebensräume durch die menschliche Hand“, sagt zum Beispiel Junita Rondonuwu-Lasut, Pfarrerin der Evangelischen Indonesischen Kristusgemeinde Rhein-Main, die als Gemeinde wiederum Mitglied des Internationalen Konventes Rhein-Main ist. Sie mahnt: „Die Natur erhält das menschliche Leben – aber sie kann auch strafen.“

Ähnlich sieht es der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz: „Wenn die Menschen Gott vergessen und sich als Götter aufspielen, dann geht die natürliche Grundlage unseres Lebens kaputt. Manches von dem erleben wir mitten in unseren Zeiten.“ Die Lösung? „Bescheidener leben und dennoch sehr fröhlich“, meint Pfarrer Tim van de Griend von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen im Video.

© Rat der Religionen / Tibethaus Wandeln im Achtsamkeitsgarten.

Buddhist Hans-Erich Frey von Sakya Kalden Ling in Griesheim erklärt, dass die Essenz der Lehre des Buddha ist, Heilsames zu tun und Nicht-Heilsames zu unterlassen. „So haben wir großen Respekt vor allen Lebewesen – auch den Allerkleinsten. Und wir begreifen, wie sehr alle unsere Handlungen miteinander verbunden sind und sich wechselseitig bedingen.“ Entsprechend gibt es im Tibethaus in Bockenheim einen Achtsamkeitsgarten, in dem man über Steinpfade wandeln und an einem Brunnen meditieren kann.

Die Erde als Garten – dieses Bild gibt es natürlich auch im Judentum. „Ein Auftrag für die ganze Welt“ sei es, den Garten Eden als Sinnbild der Natur zu schützen und zu behüten, sagt Rabbiner Julien-Chaim Soussan von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Menschen und Natur sind untrennbar miteinander verbunden: „Wenn wir Rücksicht nehmen auf die Menschen, heißt das, dass wir auch Rücksicht auf die Natur nehmen müssen.“

"Ihr dürft uns gerne fragen"

So zu leben, dass sie sich und ihrer Umwelt nicht schaden – und dazu beizutragen, dass die Menschen glücklich sind – das ist das Ziel der Sikh. Die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft wollen leben, wie sie erschaffen worden sind. Warum männliche Sikh-Gläubige oft lange Bärte tragen und was sie zum Thema Haareschneiden denken, erklärt Gurwinder Singh vom Gurdwara Sikh Center in Frankfurt-Höchst im Video. Ihm ist das Gespräch mit Andersgläubigen wichtig: „Es ist gar nicht offensiv, wenn Ihr fragt, warum wir Turban tragen und lange Haare haben. Ihr dürft gern einfach auf uns zukommen“, ermutigt Singh, einer von zwei Sikh-Vertretern im Rat der Religionen.

Das entspricht auch dem Weltbild der Gemeindemitglieder von Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, oft auch bekannt als Mormonen. Familie und Gemeinschaft haben für die Glaubensgemeinschaft einen hohen Stellenwert, was sich gerade in der fordernden Zeit der Corona-Lockdowns als hilfreich erwiesen hat.

Grüne Blätter
© Rat der ReligionenDer Respekt vor der Natur eint viele Religionen.

Im Islam ist der Respekt vor der Natur sogar im täglichen Gebet verankert. Songül Yaşar und Talha Taşkinsoy, die die muslimischen Gemeinden im Rat der Religionen vertreten, erklären im Video, wofür die verschiedenen Gebetshaltungen stehen und warum sie eng verknüpft sind mit der Natur im Großen und im Kleinen. Auch im Koran wird die Natur als Grundlage allen Seins genannt. Mohammad Luqman von der Gemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat erklärt, dass der Islam den Menschen dazu auffordert, behutsam mit der Schöpfung Gottes umzugehen: „Der Umweltschutz spielt deshalb eine wichtige Rolle.“ Das spiegelt sich auch im Gemeindeleben. Wie Imam Imtiaz Ahmad Shaheen im Kurzfilm erzählt, gibt es deshalb jedes Jahr am 1. Januar eine ganz besondere Neujahrstradition, die bereits seit 20 Jahren dazugehört.

Botschaft an nachfolgende Generationen

Umweltbewusstes Denken und Handeln an nachfolgende Generationen zu vermitteln, darum geht es bei Vishwa Hindu Parishad und dem Afghan Hindu Kulturverein Frankfurt. „Unsere Kinder kommen am Wochenende hierher und lernen, wie ein guter Umgang mit der Umwelt gehen kann“, sagt Vipin Mishra. Doch friedlich mit der Natur zu leben ist nicht genug, meint Zneha Gardezi: „Wir können nur eine Veränderung in unserer Umwelt erreichen, wenn wir als Menschen aktiv etwas dafür tun. Ich bin ein Teil der Aasamai Schule, und ich lerne im Unterricht, dass wenn ich meinen Klassenraum verlasse, ich meinen Müll mitnehme und darauf achte, weniger Plastik zu verwenden. Genau das muss meine Generation den nachfolgenden Generationen weitergeben.“ Wie die Umwelt davon profitiert, wenn es in der Glaubensgemeinschaft etwas zu feiern gibt, erklären die Mitglieder im Video.

Die Verkörperung des Schöpfers selbst

Doch so lobenswert die Bemühungen eines Einzelnen auch sind, ist es doch wichtig, dass daraus eine Bewegung wird. Welche Haltung die Bahá'í zur Unterstützung durch die Gemeinschaft haben, erfahren wir im Kurzfilm, der für den „Tag der Religionen“ in und um den Tempel in Langenhain, Taunus, aufgenommen wurde. Dort steht eins von acht kontinentalen Häuser der Andacht, die Glasfassade gibt den Blick in die Natur frei. „Die Natur ist in der Bahá'í-Gemeinde sehr hoch geachtet“, sagt Nura Froemel von der Gemeinde. „Das liegt unter anderem daran, dass die Bahá'í in der Natur die Verkörperung von Gottes Wort und die Verkörperung des Schöpfers selbst erkennen. Das bedeutet einerseits, dass sie mit entsprechender Verantwortung und Mäßigung die Natur nutzen und sich an ihrem Reichtum erfreuen, aber gleichzeitig bedeutet das natürlich auch eine gewisse Verantwortung.“

Sylvia Weber, Dezernentin für Integration und Bildung der Stadt Frankfurt am Main, räumt ein, dass der „Tag der Religionen“ in diesem Jahr natürlich ganz anders als sonst sei, das Zusammenkommen und der Austausch fehlten. Trotzdem freut sie sich, dass man mit den Videos der unterschiedlichen Religionen eine Möglichkeit gefunden hat, den Aktionstag trotz der aktuellen Lage stattfinden zu lassen. „Ihn ganz abzusagen kam für uns nicht infrage“, betont sie in ihrer Begrüßung auf YouTube.

Anne Zegelman
Redakteurin
Domplatz 360311Frankfurt
Tel.:(069) 8008718 - 221

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