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8. November: Ökumenischer Gottesdienst für gestorbene Kinder

8. November: Ökumenischer Gottesdienst für gestorbene Kinder
8. November: Ökumenischer Gottesdienst für gestorbene Kinder
Liebevoll dekoriert sind die Stufen zum Altar, auf denen die Namenskerzen stehen. © Martina Tauber

Das Kinderzimmer ist eingerichtet, im Flur steht der Kinderwagen – und dann die Rückkehr aus dem Krankenhaus mit leeren Händen und gebrochenem Herzen – erst in den 90er Jahren sei das Bewusstsein für Eltern, die eine Totgeburt erleben mussten, gewachsen. Es wurde wahrgenommen, was es heißt, dem „freudigen Ereignis“ entgegenzublicken und dann einen Schicksalsschlag zu erleiden, berichtet die Klinikseelsorgerin Elisabeth Knecht. Um die Nullerjahre herum sei begonnen worden, diese Kinder zu bestatten, fügt die an der Frankfurter Uniklinik tätige Pfarrerin hinzu.

Vor 20 Jahren organisierte Elisabeth Knecht erstmals in Frankfurt einen „Gedenkgottesdienst für gestorbene Kinder“. Eltern, die ihre Kinder gar nicht lebend in den Arm nehmen konnten, Väter und Mütter, die nach wenigen Tagen den Tod des Babys zu beklagen hatten, aber auch Eltern, die ältere Söhne oder Töchter verloren haben, kommen seitdem einmal im Jahr am zweiten Sonntag im November in der Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster zusammen, um sich gemeinsam zu erinnern. Bei manchen ist der Schmerz noch ganz frisch, bei anderen liegt der Tod des Kindes schon Jahre zurück.

Zum Einzugsgebiet des ökumenischen Gedenkgottesdienstes zählt das gesamte Rhein-Main-Gebiet. Eine Kerze wird für jedes Kind entzündet, der Name in ein Gedenkbuch eingetragen und vorgelesen. Rund 100 bis 150 Menschen versammeln sich Jahr für Jahr in der Heiliggeistkirche. Eltern, aber auch Geschwister sind dabei. Für manche sei es nicht einfach, wenn später Geborene anderer Familien ihre Stimmchen in das Gedenken hinein erheben, erzählt die Seelsorgerin - und doch sei es wichtig, die Geschwister zuzulassen, als Hoffnungszeichen.

Nicht für, sondern mit Betroffenen

„Ich mache diesen Gottesdienst nicht für, sondern mit Betroffenen“, sagt Elisabeth Knecht. Manche seien überrascht über die Form, über den Gottesdienst, an dem viele mitwirken. Die Band „Habakuk“, bekannt für Lieder wie „Bewahre uns Gott“, spielt seit den Anfangsjahren in dem Gottesdienst. Eugen Eckert hat sogar eigens Lieder dafür geschaffen. Der Pfarrerin gefallen die Melodien – „und sie sprechen die Anwesenden an“. Orgelmusik könne in solch einem Rahmen zu wuchtig wirken, meint Knecht.

Zu denen, die von Anfang an dabei waren und mit der Theologin seit zwei Jahrzehnten das Gedenken organisieren, gehört Martina Tauber. Die Gärtnerin und Floristin hat vor 28 Jahren Zwillinge zur Welt gebracht, die keinen Atemzug taten. Am Anfang wusste sie gar nicht, wie sie den Kummer überstehen sollte, Tauber hat sich dann in einer Regenbogengesprächsgruppe engagiert, in der Eltern, die einen ähnlichen Verlust erlitten haben, zusammenkommen. Heute erlebt Tauber, die zwei weitere Kinder geboren hat, „es ist nicht mehr so sehr die Trauer, als das stille Gedenken“ an diese beiden Menschen, das sie bewege. Wichtig ist ihr, dass ihre weitere Familie von ihren vier Kindern spricht und nicht nur von den zwei Herangewachsenen. „Totschweigen und vergessen, das schmerzt.“

Die Kirche - ein Ort wie kein anderer

Knecht und Tauber stimmen überein, dass viele der Anwesenden nicht sonntäglich in die Kirche gehen. Und doch bietet die Kirche einen Ort, wie kein anderer. Die Fürbitten, der Segen, das Symbol der Kerze, auf der der Name des Kindes steht, Tauber spricht von „einem Himmelsgeburtstag“. Das besondere an diesem Gottesdienst sei, „hier kann ich klagen, meinen Schmerz, meine Sehnsucht und meine Hoffnung ausdrücken und all dies, auch das Leben meiner Kinder, in Gottes Hände legen“. In diesem Jahr wird es am 8. November Corona-bedingt keinen Gottesdienst in der Heiliggeistkirche geben, er wird um 17 Uhr „gestreamt“. Wie immer gestaltet Elisabeth Knecht ihn mit einem Team, die Band Habakuk tritt auf. In Anlehnung an das Albert Schweitzer entlehnte Motto „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen“, geht es um „Deine Spuren in meinem Leben“, eine Anknüpfung auch an das Jahr 2000, wo es um „Spuren“ ging.

Das Gedenken geschieht „hybrid“, das heißt im Netz, aber auch vor Ort: Von 14 bis 16 Uhr liegen in der Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster, Kurt-Schumacher-Straße 23, Gedenkbücher aus. Knecht und Kolleginnen und Kollegen aus der Klinikseelsorge werden da sein sowie Ehrenamtliche. Sie stehen für Einzelgespräche – bei gebührendem Abstand – zur Verfügung. Vergangenes Jahr war noch an Jubiläumsfestlichkeiten zum Zwanzigsten gedacht worden, jetzt sagt Elisabeth Knecht. „Das ist gegenüber allem anderen zurückgetreten“. Froh ist sie aber auch, dass Überlegungen, es ganz ausfallen zu lassen, nicht zum Tragen kamen. Dafür sind in den vergangenen zwölf Monaten zu viele Kinder totgeboren worden oder allzu früh verstorben.

Nähere Informationen zum Programm und Anmeldung zum Stream am 8. November unter www.gedenkgottesdienst-ffm.de.

Von Bettina Behler

Portrait von Marita Cannivé-Fresacher
© PrivatMarita Cannivé-Fresacher ist seit 1. Januar 2020 in der Klinikseelsorge in Frankfurt tätig.

Interview mit Pastoralreferentin Marita Cannivé-Fresacher, die den Gottesdienst von katholischer Seite aus mitleitet

Frau Cannivé-Fresacher, Sie sind seit Januar als Pastoralreferentin in der Klinikseelsorge an der Uniklinik tätig. Was bieten Sie betroffenen Familien an?

Zu meinem Arbeitsalltag gehört, dass ich in der Kinderklinik Eltern und Kinder besuche. Ich  versuche sie zu unterstützen, indem ich ihnen mein offenes Ohr leihe. Ich denke an eine Familie, die wenige Monate nach dem Tod eines Sohnes mit einem weiteren Kind zur Behandlung hier waren. Ich hatte den Eindruck, durch das Erzählen vom Verlust und dem damit verbundenen Schmerz bekommt der verstorbene Sohn wieder einen Platz. Darüber zu sprechen kann den Eltern helfen, denn es verdeutlicht, dass das Kind immer ein Teil des eigenen Lebens und der Familie bleiben wird.

An der Frankfurter Uniklinik ist die Kinderklinik ihr Hauptschwerpunkt, den Sie gemeinsam mit der evangelischen Kollegin Elisabeth Knecht betreuen. Haben Sie den Eindruck, dass die jeweilige Konfession eine Rolle spielt bei der Klinikseelsorge?

Mir scheint, sie ist nicht prioritär. Natürlich sind manchmal Rituale gefragt, Sakramente, dann wird die Konfession wichtiger. Generell erlebe ich unsere Tätigkeit dort als sehr gutes Feld der ökumenischen Zusammenarbeit.

Momentan laufen die Vorbereitungen für den Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder am 8. November in der Heiliggeistkirche, der in diesem Jahr wegen Corona nur online stattfinden kann. Wie versuchen Sie, trotzdem Nähe zu schaffen?

Die Heilig-Geist-Kirche wird am Sonntag des Gottesdienstes von 14 bis 16 Uhr geöffnet sein, damit die Eltern den Namen ihres Kindes in das Gedenkbuch eintragen können. Das ist immer fester Bestandteil des Gedenkgottesdienstes, deshalb möchten wir auch unter Corona-Bedingungen nicht darauf verzichten. Wir – das Vorbereitungsteam - werden ab 14 Uhr in der Kirche sein und unter Einhaltung eines Schutzkonzeptes für Einzelgespräche mit Eltern zur Verfügung stehen. Außerdem können die Eltern eine Kerze mit nach Hause nehmen und sie anzünden, während sie den Livestream anschauen. Das Anzünden einer Kerze für jedes Kind, verbunden mit dem Aussprechen des Namens, während des Gottesdienstes ist ein wichtiger Moment. Das übernimmt diesmal die Vorbereitungsgruppe. Wer am Livestream teilnehmen möchte, kann sich über die Webseite www.gedenkgottesdienst-ffm.de dazu anmelden.

Wie wichtig ist Ihrem Empfinden nach das Ritual des Gottesdienstes für die verwaisten Eltern?

Für sie ist es unsagbar wichtig, einen Ort und eine Zeit zu haben, zu dem sie an ihre verstorbenen Kinder denken können. Wichtig ist dabei auch der liturgische Rahmen. Viele Eltern kommen seit Jahren zu diesem Gottesdienst, der immer am ersten November-Sonntag stattfindet, weil es ihnen gut tut, andere in ähnlicher Situation zu treffen. Wie mir von meiner Vorgängerin und meiner evangelischen Kollegin berichtet wurde, gibt es danach immer noch einen Empfang und Kaffeetrinken. Wenn Corona irgendwann vorbei sein sollte, ist eine Rückkehr zu dieser alten Form auf jeden Fall gewünscht.

Der Gottesdienst findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt, Sie selbst sind zum ersten Mal dabei, zudem unter völlig veränderten Bedingungen. Wie erleben Sie die Vorbereitungen?

Was mich schon im Vorfeld wirklich beeindruckt hat, ist, mit welcher Leidenschaft, welchem Herzblut und welcher Wärme die Beteiligten den Gottesdienst vorbereiten. Das ehrenamtliche Engagement und die ganz persönlichen Erfahrungen, die dahinter stehen, berühren mich sehr. Allen Beteiligten tut es sehr weh, dass der Gottesdienst dieses Jahr nicht wie gewohnt gefeiert werden kann, aber wir hoffen, dass der Livestream wenigstens ein kleiner Ersatz ist.

Marita Cannivé-Fresacher ist Pastoralreferentin in der Klinikseelsorge an der Frankfurter Uniklinik. In der Mainstadt ist sie seit Januar 2020, doch insgesamt arbeitet sie bereits seit 14 Jahren als Klinikseelsorgerin, zuvor in Trier und Wiesbaden. Ihre Schwerpunkte sind die Kinderonkologie und die Orthopädische Klinik, außerdem ist sie in der Ausbildung für Seelsorger und Seelsorgerinnen im Bistum Limburg tätig.

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