FRANKFURT.- Glaube stört! Wenn muslimische Frauen Kopftücher tragen und niemand weiß, ob sie es aus freien Stücken tun, wenn ein Sikh trotz Einser-Examen mit Turban keine Arbeitsstelle findet, wenn einem jüdischen Kind zugeraunt wird, „dich hat man vergessen zu vergasen“, wenn Christen in vielen Ländern der Erde brutal verfolgt werden.
Der vor knapp einem Jahr gegründete Rat der Religionen in Frankfurt ging mit seiner ersten öffentlichen Podiumsdiskussion mitten hinein in ein Thema, das eine Gesellschaft umtreibt, die zunehmend multikulturell und multireligiös ist, gleichzeitig aber immer säkularer wird, „Wenn Glaube stört. Was ist religiöse Diskriminierung?“ war das Podium am Mittwochabend, 3. Februar, im Haus am Dom, dem Bildungs- und Begegnungszentrum des Bistums Limburg in Frankfurt, überschrieben. Mit dem hessischen Justiz- und Integrationsminister Uwe Hahn (FDP), Prof. Matthias Rohe, einem der besten Kenner islamischen Rechts, und Vertretern unterschiedlicher Religionen war es bestens besetzt.
Rund 150 Menschen drängten sich im Großen Saal des Hauses. Ihnen wurde eine Lehrstunde geboten, in der nicht wohlfeile Appelle an Toleranz und Öffnung das Gespräch bestimmten, sondern das ehrliche Bemühen aller, zu verstehen, warum das Fremde Angst macht und religiöses Bekenntnis heute vielfach als Bedrohung empfunden wird. Da war die Religionswissenschaftlerin und Mitbegründerin des Kompetenzzentrums Muslimischer Frauen in Frankfurt, Naime Cakir, die engagiert dazu aufrief, stigmatisierende Muster zu verlassen. Bewusst habe das Kompetenzzentrum deshalb entschieden, keine Frau mit Kopftuch in die Diskussionsrunde zu schicken: „Wir wollen aus dem Opferdiskurs heraus, wir wollen keine Klischees bestätigen,“ sagt sie selbstbewusst und verweist darauf, dass Frauen Potential haben, „egal ob mit oder ohne Kopftuch“.
Freimütig teilt Esther Ellrodt-Freiman von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt erschütternde Erfahrungen mit dem Publikum, wenn sie erzählt, dass Kindergarten und Schule der Gemeinde bis heute unter strengem Polizeischutz stehen, dass es immer wieder Bombendrohungen gibt, dass die Kinder es möglichst für ein Spiel halten sollen, wenn sie mal wieder evakuiert werden müssen. Und dennoch sagt sie, auch auf die Erfahrungen mit den zahlreich zugewanderten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion anspielend: „Zuwanderung ist doch keine Belastung, sondern etwas Wunderbares!“
Auch der deutsche Sikh Khushwant Singh kann ein Lied davon singen, wenn man nicht aussieht, wie der Durchschnittsdeutsche „männlich, Mittelstand, weiß, christlich“. Aus Unkenntnis, so seine Erfahrung, „werden Schubladen geöffnet und die Menschen irgendwo reingesteckt.“ Dafür mache es aber auch Spaß, wenn er auf Dienstreisen im Ausland ganz fraglos „als deutscher Repräsentant“ akzeptiert werde.
Wissen und Bildung, da sind sich alle Podiumsteilnehmer einig, sind die Schlüssel zu einem besseren Verständnis auf beiden Seiten. Eine neue Wertedebatte, die Ausländer und Deutsche mit Migrationshintergrund einschließe, forderte der Jurist und Islamwissenschaftler Rohe (Universität Erlangen). Wenn Sachthemen erörtert würden, zeige sich, dass „der Angstfaktor – gerade im Blick auf den Islam – ziemlich abstrakt“ ist. Eine Panik vor Überfremdung sei jedenfalls völlig unangebracht.
Integrationsminister Hahn, gerade ein Jahr im Amt und der erste Minister, der die Integration im Titel führt, warnt aber auch vor gut gemeinter politischer Korrektheit, die oft ein Hemmschuh für die klare Analyse problematischer Beziehungen sei. Deutschland sei ein Einwanderungsland, das sei allzu lange tabuisiert worden. Es gelte ganz klar aber auch die Forderung an die Migranten, sich damit auseinander zu setzen, „dass Deutschland die Aufklärung schon hinter sich hat“. Ebenso wichtig sei es für Zuwanderer, auf die Gesellschaft hierzulande zuzugehen und nicht „unter sich“ zu bleiben, mahnt der Minister. (dw)